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Montag, 16. Mai 2016

Die Wurmlinger Kapelle

Wanderung von Hohentübingen zur Wurmlinger Kapelle


Viel ist schon über diesen „Klassikerweg“ geschrieben und gesagt worden. Oft bin ich ihn während meiner Studienzeit in Tübingen gegangen und auch in den vielen Jahren danach. Die romantischste Variante ist zweifellos diejenige, die auf dem Schloss Hohentübingen beginnt. Einst stand an dieser Stelle eine mittelalterliche Burg, die als „castrum twingia“ 1078 erwähnt wurde. Hier residierten die Pfalzgrafen von Tübingen, bis sie Burg und Stadt 1342 an die Grafen von Württemberg veräußerten. Heute gehört das imposante Renaissanceschloss der Universität. Die Wanderung bietet nicht nur landschaftliche Höhepunkte und botanische Kostbarkeiten, sondern auch diverse kulinarische Genüsse. An der Schlosssteige beim Haagtorplatz, auf der man ebenfalls zur Burg hinauf kommt, kann man das Gartenhäuschen sehen, in dem Johann Wolfgang Goethe anno 1797 mit seinem Verleger Cotta weilte. Heimlich nenne ich diese Wanderstrecke „Dichterweg“, denn es mögen ihn viele große und kleinere Köpfe gegangen sein, die seit dem 18. Jahrhundert in Tübingen wohnhaft waren.
Und hier ist die Wegbeschreibung: Durch einen schmalen, geheimnisvollen Gang im hinteren Schlosshof geht es hindurch zum Schänzle, dann nochmal eine düstere Treppe hinab. Eine mittelalterliche Athmophäre, die jäh durch den Austritt an die Mauer unterbrochen wird. Man sieht das silberne Band des Neckars und das weite Land mit dem Rammert-Buckel und den Dörfern Hirschau, Bühl und Kiebingen. Vorbei an Verbindungshäusern und dem Bismarckturm erreicht man den Waldrand. Es geht ziemlich lange geradeaus durch einen Buchenmischwald. Auf halber Höhe kann man rechts hinab zum Schwärzlocher Hof steigen, einem beliebten, nicht nur studentischen Treffpunkt mit Mostbowle und schwäbischen Gerichten wie Mostbraten, Linsen mit Spätzle und Sauren Kutteln. Der Hof wurde schon im Jahr 1085 erwähnt. Von der Terrasse genießt man einen schönen Blick ins Ammertal. Wandert man weiter nach Wurmlingen, erreicht man schließlich, gegenüber der Kapelle, einen Wiesenhang, auf dem im späten Frühjahr Orchideen blühen. Zur Kapelle St. Remigius muss man wieder hinaufsteigen, wird aber mit einer noch großartigeren Aussicht belohnt. Ludwig Uhland unternahm im Jahr 1815 einen Spaziergang zur Wurmlinger Kapelle und verfasste das bekannte Gedicht: 

Droben stehet die Kapelle,
Schauet still ins Tal hinab.
Drunten singt bei Wies' und Quelle
Froh und hell der Hirtenknab.

Traurig tönt das Glöcklein nieder,
Schauerlich der Leichenchor;
Stille sind die frohen Lieder,
Und der Knabe lauscht empor.

Droben bringt man sie zu Grabe,
Die sich freuten in dem Tal;
Hirtenknabe, Hirtenknabe!
Dir singt man dort auch einmal.
Ludwig Uhland, (1787 - 1862), deutscher Dichter und Mitglied des Frankfurter Paulsparlamentes.

Während ihres Studiums der Theologie im Tübinger Stift unternahm der Dichter Eduard Mörike, der ebenfalls mit Uhland befreundet war, einmal im Winter einen Rodelausflug mit dem Feuerkopf Wilhelm Waiblinger und anderen. Nachdem sie dem Wein derart zugesprochen hatten, dass der Ephorus im Stift verzweifelt die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen hätte, purzelten sie nacheinander in den Schnee und mussten mit einer Kutsche nach Tübingen zurückgeschafft werden.
Die heutige Kapelle St. Remigius wurde im Jahr 1680 errichtet und enthält eine romanische Krypta aus dem frühen 12. Jahrhundert. Sie ist von Mai bis Oktober in der Regel jeden Sonntag von 10.00 bis 16.00 Uhr geöffnet. Der Berg ist mit Weinreben, Esskastanien und einer mediteranen Vegetation bestanden. Bis in das Jahr 2004 gab es die Gaststätte „Kratzer“am Fuß des Kapellenberges. Bei einem Blick in den Bauerngarten kann man heute noch träumen von Heidelbeerwein, Most, Bier und deftigen Speisen. Das alljährliche Fleckenfest in Wurmlingen ist ebenfalls einen Besuch wert, nicht nur wegen seiner Oberländer Bratwürste mit Kartoffelsalat. Das nächste Fest findet vom 10.-11. September 2016 statt. Den Rückweg kann man durch das Ammertal nehmen oder aber mit der Ammertalbahn von Unterjesingen nach Tübingen fahren. (Halbstundentakt).


Hier noch eine exaktere Wegbeschreibung mit Schwierigkeitsgrad usw.








Sonntag, 1. Dezember 2013

Auf Schubarts Spuren: der Hohenasperg

Von Christa S. Lotz und Peter Stubenvoll
Auf dem Hohenasperg, rechts die "Schubartstube"
An einem trüben, kalten Tag Ende November sind wir zum Hohenasperg bei Ludwigsburg gefahren. Den Dichter Christian Friedrich Daniel Schubart, der hier zehn Jahre lang inhaftiert war (1777-1787), hatte ich schon Jahre vorher kennengelernt, aber erst seit Kurzem beschäftige ich mich intensiver mit seinem Leben. Der Hohenasperg war eine seiner letzten Stationen. Eine wahrlich abschreckende und deprimierende Festung. Beim Rundgang sehen wir die "Schubartstube", ein Gasthaus im Torturm, doch die Gesellschaft ist geschlossen. Weiter oben sind Studentennamen in die Mauer geritzt, unweit einer Kanone. Wegen wiederholten verbotenen Fechtens waren sie eingekerkert worden und wegen Aufmüpfigkeiten, manche einfach nur "zur Besserung". Der Blick geht weit ins Land, über die Städte und Dörfer. Viele tausend Insassen hat diese Feste gesehen, unter anderem Joseph "Süß" Oppenheimer vor seiner Hinrichtung, später Berthold Auerbach und Theobald Kerner, Sohn des Arztes und Dichters Justinus.
“Schauer fuhr durch mein Gebein, als sich der Asberg vor mir aus seinem blauen Schleier enthüllte… Der Herzog war selbst zugegen und bezeichnete den Kerker, in dem man mich verwahren sollte… Jetzt rasselte die Türe hinter mir zu, und ich war allein – in einem grauen, düstern Felsenloche allein.”
Durch diese Gasse, stark bewacht und von meterhohen Mauern umschlossen, ist Schubart zu seinem Verlies gebracht worden. Der Hohenasperg wurde im Jahr 1535 von Herzog Ulrich von Württemberg zur Festung ausgebaut, auf den Grundmauern einer keltischen Fliehburg und einer mittelalterlichen Burg.

Wie war es zu dieser Inhaftierung ohne Anklage, ohne Prozess und Urteil gekommen? Seinem Landesvater Herzog Carl Eugen war Schubarts "Deutsche Chronik", die der Dichter zuletzt in Ulm herausbrachte, schon lange ein Dorn im Auge. Darin wetterte der Dichter gegen die Hofhaltung der Fürsten und gegen die Jesuiten, eine staatsunterstützende katholische Vereinigung. Sein Wort hat Macht in deutschen Landen und in Europa. Schubart sitzt am Wirtshaustisch, trinkt, qualmt und setzt den Bürgern lautstark seine Ansichten auseinander, provoziert die Oberen und die Kirche. "Er (der Herzog) hat einen hiesigen Patriziersohn in die Sklavenplantage (die Hohe Carlsschule, wo auch Schiller dressiert werden sollte) aufgenommen. Seine Donna Schmergalina (seine Mätresse Franziska von Hohenheim) sass neben ihm wie Mariane an Achmets Seite. Aller Fürstenglanz ist in meinen Augen nicht mehr als - das Glimmen einer Lichtputze - es glimmt und stinkt."
Carl Eugen kann ihm nichts anhaben, da die freie Reichstadt Ulm nicht unter seinen Hoheitsbereich fällt. Da ersinnt er eine List. Er schickt den Blaubeurer Obmann Scholl nach Ulm, wo dieser feudal mit Schubart tafelt. Sein Schwager, der Professor Gmehlin, wäre gespannt darauf, den Verfasser der "Deutschen Chronik" kennenzulernen. Und Schubart, nicht vor Eitelkeit gefeit, fällt darauf herein. Sobald er das Kloster Blaubeuren erreicht, wird er von drei Offizieren des Herzogs gefangen genommen und eilends zum Hohenasperg verbracht.
Blaubeuren, Ort der Festnahme von Schubart, gegenüber dem Kloster
377 Tage lang sollte er es in diesem Felsenloch auf dem Hohenasperg aushalten - in einem Turm an der höchsten Spitze des Berges, in Einzelhaft, mit karger Kost. Erst fast ein Jahr später wurde er in das Arsenalhaus verlegt. Lange Zeit blieb der Dichter ohne Papier und Feder, eine zusätzliche Folter. Nur die Bibel wurde ihm zum Lesen gegeben. Seine Frau Helene sah er erst nach sieben Jahren wieder. Der Kommandant der Festung, Rieger, näherte sich ihm in Gestalt des Seelsorgers, unterzog ihn einer gründlichen religiösen Gehirnwäsche. Schubart war voller Zweifel, Depressionen und klagte sich selber an. "Über Jahr und Tag liege ich im Schauergewölbe auf faulem Stroh, beträuft vom Tau der Felsen, dass mein Schlafrock an meinem Leibe verfaulte." Seinem Bruder in Aalen schrieb Schubart: "Gefangenschaft ist Hölle, wie wahr dies ist, habe ich empfunden. Einsamkeit, gähnende Langeweile, Frost, Hunger, Höllenangst, stechende Sehnsucht nach Weib und Kind, Erniedrigung aller Art, Schlaflosigkeit in langen Schauernächten, rastloses Wälzen auf einem faulen Strohlager sind die Furien, die mich dicht an den Rand der Verzweiflung geißeln."
    
Das Arsenalhaus auf dem Asperg, heute ein Museum, April-Oktober

Doch bald schon verfasste er Gedichte wie "Die Fürstengruft", die sich wie ein Laufffeuer verbreiteten. Carl Eugen verdiente kräftig mit an den schriftlichen Erzeugnissen. Schubarts "Forelle" wurde später von Franz Schubert vertont. Darin spiegelt der Dichter seine einstige Freiheit und die Gefangennahme.

In einem Bächlein helle,
Da schoß in froher Eil
Die launische Forelle
Vorüber wie ein Pfeil. Ich stand an dem Gestade
Und sah in süßer Ruh
Des muntern Fischleins Bade
Im klaren Bächlein zu.
Ein Fischer mit der Rute
Wohl an dem Ufer stand,
Und sah's mit kaltem Blute,
Wie sich das Fischlein wand.
So lang dem Wasser Helle,
So dacht ich, nicht gebricht,
So fängt er die Forelle
Mit seiner Angel nicht.

Doch endlich ward dem Diebe
Die Zeit zu lang. Er macht
Das Bächlein tückisch trübe,
Und eh ich es gedacht, So zuckte seine Rute,
Das Fischlein zappelt dran,
Und ich mit regem Blute
Sah die Betrogene an.
Die ihr am goldenen Quelle
Der sicheren Jugend weilt,
Denkt doch an die Forelle,
Seht ihr Gefahr, so eilt!
Meist fehlt ihr nur aus Mangel
Der Klugheit, Mädchen, seht
Verführer mit der Angel!
Sonst blutet ihr zu spät!

War Schubart wieder auferstanden nach seiner völligen seelisch-moralischen Niederwerfung? Zu seinem neu erwachenden Widerspruchsgeist wird ihn die Unterstützung ermuntert haben, die er im ganzen Lande erhielt. Selbst Johann Wolfgang von Goethe setzte sich für ihn ein. Friedrich Schiller besuchte ihn in seinem Kerker und sagte hernach: "Ein gefangener Mann, ein armer Mann!" Bald darauf, im September 1782, musste Schiller selbst von Stuttgart nach Mannheim fliehen – dem Herzog hatten Die Räuber missfallen. Und zu denen wiederum hatte ihn Schubarts "Geschichte des menschlichen Herzens" inspiriert.
Schillers Besuch in Schubarts Zelle
 Schließlich und endlich verfasste der Dichter eine Hymne auf den Preussenkönig Friedrich den Großen, einem Mann, den er schon immer verehrt hatte. Das brachte die Preußen dazu, einzulenken und er wurde am 11.Mai 1787 freigelassen. Gnädigerweise erhielt er sogar eine Stelle als Stuttgarter Hofpoet, Musik- und Theaterdirektor. Sechs Wochen später erschien auch wieder seine Zeitung, deren Auflagen stiegen und Proteste der europäischen Regierungen hervorriefen. Der Ausbruch der Französischen Revolution begeisterte Schubart.  Doch er war gesundheitlich geschwächt, litt unter Melancholie und Depressionen und starb am 10. Oktober 1791 an "Schleimfieber", im Alter von nur 52 Jahren. Er liegt auf dem Hoppenlau-Friedhof in Stuttgart begraben.