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Sonntag, 1. Dezember 2013

Auf Schubarts Spuren: der Hohenasperg

Von Christa S. Lotz und Peter Stubenvoll
Auf dem Hohenasperg, rechts die "Schubartstube"
An einem trüben, kalten Tag Ende November sind wir zum Hohenasperg bei Ludwigsburg gefahren. Den Dichter Christian Friedrich Daniel Schubart, der hier zehn Jahre lang inhaftiert war (1777-1787), hatte ich schon Jahre vorher kennengelernt, aber erst seit Kurzem beschäftige ich mich intensiver mit seinem Leben. Der Hohenasperg war eine seiner letzten Stationen. Eine wahrlich abschreckende und deprimierende Festung. Beim Rundgang sehen wir die "Schubartstube", ein Gasthaus im Torturm, doch die Gesellschaft ist geschlossen. Weiter oben sind Studentennamen in die Mauer geritzt, unweit einer Kanone. Wegen wiederholten verbotenen Fechtens waren sie eingekerkert worden und wegen Aufmüpfigkeiten, manche einfach nur "zur Besserung". Der Blick geht weit ins Land, über die Städte und Dörfer. Viele tausend Insassen hat diese Feste gesehen, unter anderem Joseph "Süß" Oppenheimer vor seiner Hinrichtung, später Berthold Auerbach und Theobald Kerner, Sohn des Arztes und Dichters Justinus.
“Schauer fuhr durch mein Gebein, als sich der Asberg vor mir aus seinem blauen Schleier enthüllte… Der Herzog war selbst zugegen und bezeichnete den Kerker, in dem man mich verwahren sollte… Jetzt rasselte die Türe hinter mir zu, und ich war allein – in einem grauen, düstern Felsenloche allein.”
Durch diese Gasse, stark bewacht und von meterhohen Mauern umschlossen, ist Schubart zu seinem Verlies gebracht worden. Der Hohenasperg wurde im Jahr 1535 von Herzog Ulrich von Württemberg zur Festung ausgebaut, auf den Grundmauern einer keltischen Fliehburg und einer mittelalterlichen Burg.

Wie war es zu dieser Inhaftierung ohne Anklage, ohne Prozess und Urteil gekommen? Seinem Landesvater Herzog Carl Eugen war Schubarts "Deutsche Chronik", die der Dichter zuletzt in Ulm herausbrachte, schon lange ein Dorn im Auge. Darin wetterte der Dichter gegen die Hofhaltung der Fürsten und gegen die Jesuiten, eine staatsunterstützende katholische Vereinigung. Sein Wort hat Macht in deutschen Landen und in Europa. Schubart sitzt am Wirtshaustisch, trinkt, qualmt und setzt den Bürgern lautstark seine Ansichten auseinander, provoziert die Oberen und die Kirche. "Er (der Herzog) hat einen hiesigen Patriziersohn in die Sklavenplantage (die Hohe Carlsschule, wo auch Schiller dressiert werden sollte) aufgenommen. Seine Donna Schmergalina (seine Mätresse Franziska von Hohenheim) sass neben ihm wie Mariane an Achmets Seite. Aller Fürstenglanz ist in meinen Augen nicht mehr als - das Glimmen einer Lichtputze - es glimmt und stinkt."
Carl Eugen kann ihm nichts anhaben, da die freie Reichstadt Ulm nicht unter seinen Hoheitsbereich fällt. Da ersinnt er eine List. Er schickt den Blaubeurer Obmann Scholl nach Ulm, wo dieser feudal mit Schubart tafelt. Sein Schwager, der Professor Gmehlin, wäre gespannt darauf, den Verfasser der "Deutschen Chronik" kennenzulernen. Und Schubart, nicht vor Eitelkeit gefeit, fällt darauf herein. Sobald er das Kloster Blaubeuren erreicht, wird er von drei Offizieren des Herzogs gefangen genommen und eilends zum Hohenasperg verbracht.
Blaubeuren, Ort der Festnahme von Schubart, gegenüber dem Kloster
377 Tage lang sollte er es in diesem Felsenloch auf dem Hohenasperg aushalten - in einem Turm an der höchsten Spitze des Berges, in Einzelhaft, mit karger Kost. Erst fast ein Jahr später wurde er in das Arsenalhaus verlegt. Lange Zeit blieb der Dichter ohne Papier und Feder, eine zusätzliche Folter. Nur die Bibel wurde ihm zum Lesen gegeben. Seine Frau Helene sah er erst nach sieben Jahren wieder. Der Kommandant der Festung, Rieger, näherte sich ihm in Gestalt des Seelsorgers, unterzog ihn einer gründlichen religiösen Gehirnwäsche. Schubart war voller Zweifel, Depressionen und klagte sich selber an. "Über Jahr und Tag liege ich im Schauergewölbe auf faulem Stroh, beträuft vom Tau der Felsen, dass mein Schlafrock an meinem Leibe verfaulte." Seinem Bruder in Aalen schrieb Schubart: "Gefangenschaft ist Hölle, wie wahr dies ist, habe ich empfunden. Einsamkeit, gähnende Langeweile, Frost, Hunger, Höllenangst, stechende Sehnsucht nach Weib und Kind, Erniedrigung aller Art, Schlaflosigkeit in langen Schauernächten, rastloses Wälzen auf einem faulen Strohlager sind die Furien, die mich dicht an den Rand der Verzweiflung geißeln."
    
Das Arsenalhaus auf dem Asperg, heute ein Museum, April-Oktober

Doch bald schon verfasste er Gedichte wie "Die Fürstengruft", die sich wie ein Laufffeuer verbreiteten. Carl Eugen verdiente kräftig mit an den schriftlichen Erzeugnissen. Schubarts "Forelle" wurde später von Franz Schubert vertont. Darin spiegelt der Dichter seine einstige Freiheit und die Gefangennahme.

In einem Bächlein helle,
Da schoß in froher Eil
Die launische Forelle
Vorüber wie ein Pfeil. Ich stand an dem Gestade
Und sah in süßer Ruh
Des muntern Fischleins Bade
Im klaren Bächlein zu.
Ein Fischer mit der Rute
Wohl an dem Ufer stand,
Und sah's mit kaltem Blute,
Wie sich das Fischlein wand.
So lang dem Wasser Helle,
So dacht ich, nicht gebricht,
So fängt er die Forelle
Mit seiner Angel nicht.

Doch endlich ward dem Diebe
Die Zeit zu lang. Er macht
Das Bächlein tückisch trübe,
Und eh ich es gedacht, So zuckte seine Rute,
Das Fischlein zappelt dran,
Und ich mit regem Blute
Sah die Betrogene an.
Die ihr am goldenen Quelle
Der sicheren Jugend weilt,
Denkt doch an die Forelle,
Seht ihr Gefahr, so eilt!
Meist fehlt ihr nur aus Mangel
Der Klugheit, Mädchen, seht
Verführer mit der Angel!
Sonst blutet ihr zu spät!

War Schubart wieder auferstanden nach seiner völligen seelisch-moralischen Niederwerfung? Zu seinem neu erwachenden Widerspruchsgeist wird ihn die Unterstützung ermuntert haben, die er im ganzen Lande erhielt. Selbst Johann Wolfgang von Goethe setzte sich für ihn ein. Friedrich Schiller besuchte ihn in seinem Kerker und sagte hernach: "Ein gefangener Mann, ein armer Mann!" Bald darauf, im September 1782, musste Schiller selbst von Stuttgart nach Mannheim fliehen – dem Herzog hatten Die Räuber missfallen. Und zu denen wiederum hatte ihn Schubarts "Geschichte des menschlichen Herzens" inspiriert.
Schillers Besuch in Schubarts Zelle
 Schließlich und endlich verfasste der Dichter eine Hymne auf den Preussenkönig Friedrich den Großen, einem Mann, den er schon immer verehrt hatte. Das brachte die Preußen dazu, einzulenken und er wurde am 11.Mai 1787 freigelassen. Gnädigerweise erhielt er sogar eine Stelle als Stuttgarter Hofpoet, Musik- und Theaterdirektor. Sechs Wochen später erschien auch wieder seine Zeitung, deren Auflagen stiegen und Proteste der europäischen Regierungen hervorriefen. Der Ausbruch der Französischen Revolution begeisterte Schubart.  Doch er war gesundheitlich geschwächt, litt unter Melancholie und Depressionen und starb am 10. Oktober 1791 an "Schleimfieber", im Alter von nur 52 Jahren. Er liegt auf dem Hoppenlau-Friedhof in Stuttgart begraben.


Freitag, 8. Juni 2012

Eduard Mörike und der Blautopf in Blaubeuren

Auf Mörikes Spuren:

Blaubeuren - vom Blautopf, dem Kloster und der schönen Lau

In Blaubeuren kann der Gast durch erdgeschichtliche Dauerepisoden wandeln. Der Ort war früh besiedelt, wovon heute noch die Funde aus den umliegenden Höhlen zeugen, darunter die Venus, die Urmutter oder Fruchtbarkeitsgöttin aus dem Hohlen Stein, die mit zu den ältesten Kunstwerken der Welt gehört. Die Stadt selbst erwarb 1247 Stadtrecht. Berühmt geworden ist sie durch den Blautopf. Dieser Quelltopf ist ein Ort der Sagen und Legenden. Die blaue Farbe wurde einst dadurch erklärt, dass täglich ein Fass voller Tinte hineingeschüttet würde. Im Volksglauben war der Blautopf bodenlos. Die Versuche, mit einem Bleilot die Tiefe zu messen, wurden anscheinend immer von einer Nixe vereitelt, die das Gewicht stahl. Unweit des Blautopfs gibt es einen Felsen mit dem Namen 'Klötzle Blei'. Und auch ein bekannter Zungenbrecher hat sich erhalten:

Glei bei Blaubeira leit a Kletzle Blei -
´s leit a Kletzle Blei glei bei Blaubeira
Der Blautopf und die schöne Lau: Das verbindet der Urlauber mit dem malerisch gelegenen Erholungsort, der zwischen Felsen, Wiesen und Wald in die Talschlinge der Urdonau eingebettet ist. Der Blautopf ist eine der größten Karstquellen Deutschlands. Sein Wasser schimmert blaugrün, was durch Partikel im Wasser und das Sonnenlicht hervorgerufen wird. Das Wasser kommt aus einem weitverzweigten Höhlensystem, das der Höhlenforscher Jochen Hasenmayer vor seiner Lähmung erforschte (und weiter mit einem speziellen Unterwasserfahrzeug erforscht), und dabei 1986 den Mörike-Dom entdeckte, den größten Höhlenraum und -See der Schwäbischen Alb. Der Dichter Eduard Mörike siedelte hier das Reich der Schönen Lau an, eingebettet in seine Erzählung „Das Stuttgarter Hutzelmännlein“. Die Schöne Lau war die Tochter einer Menschenfrau und eines Wassernix aus dem Schwarzen Meer, die von ihrem Gemahl, dem Donaunix, in den Blautopf verbannt wurde, weil sie nicht lachen konnte und nur tote Kinder gebar. Sie durfte erst zurückkehren und ein Kind gebären, wenn sie fünfmal gelacht hatte. Dabei half ihr unter anderem die Wirtin des Nonnenhofs.

„Zu unterst auf dem Grund saß ehmals eine Wasserfrau mit langen fließenden Haaren. Ihr Leib war allenthalben wie eines schönen, natürlichen Weibs, dies eine ausgenommen, daß sie zwischen den Fingern und Zehen eine Schwimmhaut hatte, blühweiß und zarter als ein Blatt vom Mohn. Im Städtlein ist noch heutzutag ein alter Bau, vormals ein Frauenkloster, hernach zu einer großen Wirtschaft eingerichtet und hieß darum der Nonnenhof. Dort hing vor sechzig Jahren noch ein Bildnis von dem Wasserweib, trotz Rauch und Alter noch wohl kenntlich in den Farben. Da hatte sie die Hände kreuzweis auf die Brust gelegt, ihr Angesicht sah weißlich, das Haupthaar schwarz, die Augen aber, welche sehr groß waren, blau. Beim Volk hieß sie die arge Lau im Topf, auch wohl die schöne Lau.“

Das mehr als 900 Jahre alte Kloster wurde von Benediktinern gegründet und bekam seit 1510 seine heutige Gestalt. 1536 wurde eine Klosterschule eingerichtet, 1871 ein evangelisch-theologisches Seminar, aus dem Persönlichkeiten wie David Friedrich Strauß, Friedrich Theodor Vischer und Wilhelm Hauff hervorgingen. Der Hochaltar von 1497 von der Ulmer Schule, Tafelmalereien von Bartholomeus Zeitblom und Bernhard Striegel zieren die Kirche sowie das Chorgestühl von Jörg Syrlin d. J.(1493). Im Kreuzgang erfährt man viel über die Geschichte des Klosters und den Alltag der Mönche. Hier kann man in Ruhe wandeln und die alten Zeiten wieder auferstehen lassen. Im Badhaus der Mönche ist ein sehr interessantes Heimatmuseum untergebracht.Angeblich haben die Adligen, wenn sie so richtig vollgelaufen waren, die Mönche aus dem Fenster des Badhauses in die Blau geworfen! Das Städtchen selbst ist sehr hübsch in seiner mittelalterlichen Struktur erhalten. Im Heilig-Geist-Spital aus dem 15. Jahrhundert befindet sich heute das Urgeschichtliche Museum, in dem steinzeitliche Funde aus den umliegenden Höhlen, wie aus dem Geißenklösterle, ausgestellt werden. Darunter sind auch die oben erwähnten ca. 32000 Jahre alten Schnitzereien aus Mammutelfenbein, die zu den ältesten Kunstwerken der Welt gehören.
Im ehemaligen Amtshaus des Klosters ist die Schubartstube untergebracht. Hier erfolgte im Jahr 1777 die Ergreifung des Dichters, Schriftstellers und Publizisten Friedrich Daniel Schubart. Herzog Karl Eugen hatte ihn durch einen Spitzel von Ulm nach Blaubeuren gelockt, um ihn auf württembergischem Territorium verhaften zu können. Zehn Jahre lang verbrachte er auf der Festung Hohenasperg, wo er an Leib und Seele gebrochen wurde.

Die Höhlen um Blaubeuren: Hohler Fels

Der Hohle Fels ist eine große Hallenhöhle, die aus einem Felskopf des früheren Jurameeres herausgelöst wurde. Die archäologischen Fundschichten reichen von der jüngeren Altsteinzeit bis zur Zeit der Neandertaler vor über 50.000 Jahren hinab. Gelebt haben die Menschen überwiegend im Eingangsbereich der Höhle. Im Hohle Fels finden nach wie vor Ausgrabungen statt. Wie das Geißenklösterle, ist er sehr gut erforscht. Neben wichtigen Hinweisen auf das tägliche Leben der Eiszeitmenschen wurden auch mehrere Elfenbeinfiguren (Wasservogel, Pferdekopf, kleiner Löwenmensch) mit einem Alter von 32 000 bis 35 000 Jahren und Ritualobjekte gefunden. In einer Schnitzwerkstatt für Mammutelfenbein wurden wunderschöne Schmuckstücke gefertigt.

In einigen Hotels der Stadt Blaubeuren kann man Fahrräder ausleihen und entlang dem Donauradweg durch das Blautal nach Ulm fahren. Oder durch das Schmiechtal nach Ehingen. Alles Wissenswerte, Unterkunft, Essen und Trinken, Anfahrt unter diesem Link.
Blaubeuren-Tourismus

Die Gulaschsuppe im "Café Kulisse" ist mir übrigens in bester Erinnerung!