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Samstag, 20. August 2016

Kleine Reisefluchten und Abenteuer

Portal des Erfurter Doms
Kaum waren wir zurück von einem mehrtägigen Kulturtripp, meldete das Fernsehen, dass eine halbe Million Besucher auf der Gamescom  in Köln gewesen sei. Youtube-Filmemacher würden gefeiert wie Popstars, und mit neuen speziellen 3D-Brillen könne man in nie gesehene Parallelwelten eintauchen. Ich kann das sehr gut verstehen, dass man neue, aufregende Parallelwelten braucht, wenn die reale Welt so grau und langweilig geworden ist! Und ich sehe auch Übereinstimmungen bei der alten und der jungen Generation. Der Mensch braucht mehr als körperliche Versorgung, Beschäftigung und Zuwendung, nämlich Abwechslung und Anregung, um nicht in lähmende Gewöhnung zu verfallen. Ich selbst lebe ja seit langen Jahren in der Parallelwelt des Schreibens und des virtuellen Austauschs. Und bekanntlich versuche ich auch seit langen Jahren, immer wieder daraus hervorzubrechen und die bald verlorenen letzten Paradiese zu finden. Auch in einer übervölkerten autobesessenen Nation musste es doch möglich sein, ein paar Orte zu entdecken, an denen die berühmte Seele noch ein wenig baumeln kann. Und wo man etwas anderes erlebt als an den übrigen 360 Tagen des Jahres. Es war der gefühlte zehnte Versuch. Tasche gepackt, raus aus dem Haus auf die Autobahn. Ziel: Die unbekannte Saale, mit ihrer anderen Landschaft, fremden Städten, Burgen und Menschen. Innerhalb dreier Stunden erreichten wir Meiningen in Thüringen. Dorther stammt der Urvater meiner Familie, ein Gastwirt zum Wilden Mann namens Luz, verbürgt für das Jahr 1521. Er dürfte den Bauernkrieg noch erlebt, wenn nicht überlebt haben. Beim ersten Besuch dieser Stadt (vor acht Jahren) gelangten wir auf einen weiten Platz mit einer Kirche und einem Rathaus. Außer ein paar angetrunkenen Jugendlichen befand sich niemand dort, zu essen bekamen wir irgendetwas Grauenhaftes von einem Chinesen. Aber es lag ein etwas angestaubter Zauber über diesem Ort. Diesmal kamen wir gar nicht erst hinein, alles voller Baustellen und umherirrender Autos.

Schnell weiter nach Schmalkalden, bekannt wegen des Schmalkaldischen Krieges. Auch dieser Ort war uns vertraut. Damals ein altes Schloss mit Schlossführer und Geschichten über Iwein, stille, zu stille malerische Gassen, ein Café, ein, zwei Restaurants. Dazu viel über Luther und Geschichte. Diesmal quoll der Ort über vor Tausenden von Touristen. Wie das, an so einem "langweiligen" Platz? Der Grund wurde schnell ersichtlich: Viele neue Hotels und Gaststätten in alten Gemäuern, Eisdielen noch und noch, Andenkenläden, eine Touristenbahn, Schmuck- und Kleidergeschäfte. Das machte einen überaus heiteren und neuartigen Eindruck, dazu noch das bombige Wetter bei 21-23°. Wir quartierten uns im Hotel "Patrizier" aus dem 16. Jahrhundert ein, in einer nicht gerade billigen, aber herzoglich eingerichteten Suite mit Alkoven und imitierten Louis - IV-Stühlen. Beim Abendessen auf dem Marktplatz war der ganze Spuk schon verschwunden, ein kalter Wind kam auf und gegen 22.00 wurden sämtliche Bürgersteige hochgeklappt. Wir tranken Bier in der Suite, hingen aus dem Fenster und lauschten gebannt dem Nachtleben dieser wunderbaren Stadt. Gegenüber hinter einem Fenster saß ein Mensch in einem Flur und schaute anscheinend auf einen Fernseher, der aber nicht zu sehen, redete mit einem Menschen, der nicht zu hören war und verschwand manchmal durch eine Tür. Irgendwann sah man gelbliche Knochen auf dem Boden liegen, aber in Wirklichkeit war das ein schlafender Hund, der nicht mal mit den Pfoten zuckte. Im Zimmer schrie ein Kind, ein anderer Mann wurde sichtbar. Unten auf der Straße näherte sich eine Frau, richtete eine Taschenlampe auf einen Zettel des Nachbarhauses, schrieb etwas auf, leuchtete wieder mit der Taschenlampe, schrieb wieder etwas auf. Dann schaute sie sich vorsichtig um und stöckelte weiter. Eine Fledermaus flog fast in unser Fenster hinein. Mit das Beste am Reisen ist übrigens immer das Hotelfrühstück, die Beeren, Früchte, Yogurts, Brötchen, Säfte, Brotsorten, der Speck und die Rühreier, die Frikadellen, die Wurst und der Käse treiben überall die Zimmerpreise in die Höhe.

Nun waren wir ernsthaft gewillt, die Saale mit ihrem hellen Strande, ihren Burgen, Städten und fremden Menschen zu erreichen. Fuhren endlose Umwege, da überall gesperrt und nicht richtig umgeleitet wurde. Ob die anderen das mit ihren Navis schafften? Offensichtlich nicht, denn es waren genügend gestresste und wütende Gesichter zu sehen. Allerdings wird in Thüringen nicht genötigt beim Autofahren, und auch sonst sind die Menschen sehr zuvorkommend und herzlich. Um es gleich vorwegzunehmen: Wir erreichten die hellen Strände der Saale niemals! Der Thüringer Wald wirkt auf uns verwöhnte Älbler und Schwarzwälder wie ein Holzanbaugebiet. Alternativ landeten wir beim Erfurter Dom, einem gewaltigen Meisterwerk mit gotischer Kathedrale gleich daneben. In Erfurt hatten wir schon zauberhafte Stunden verlebt. Jetzt war es rappelvoll, der Domberg war mit Theatergerüsten, blauen Kunstoffhütten und Kinderrutschen verstellt. Also die Kirchen besichtigt, einen Cappuccino genommen und hurtig die Flucht ergriffen. Weiter ging es zügig nach Süden, alle Schilder über der Saale helle Strände ignoriert, da die Landschaft des Erfurter Beckens flach, grau und staubig wirkte. Einzig der Städte wie Weimar, der Bachstadt Arnstadt, Eisenach und einiger anderer wegen lohnt sich ein Besuch dieser Gegend. Und freie Unterkünfte gibt es auch in der Hauptreisezeit; das beste und beliebteste Essen ist die Thüringer Bratwurst.
Erfurter Dom
Bamberg
Eine relativ freie Autobahn brachte uns in immer grünere Gefilde. Fichtelgebirge, Frankenwald, Bayreuth, Kulmbach, ein Abstecher ins feierabendliche, pulsierende, Bamberg, das wie ein begehbares Mittelalter wirkt. 

Der Verkehr und die Umleitungen schleuderten uns von einem unbekannten Ort zum anderen. Völlig entkräftet hielten wir im bezaubend-verschlafenen Kurstädtchen Bad Windsheim an, um eine Unterkunft zu suchen. Wieder war es ein herrschaftliches Haus namens "Reichstatt", sehr liebevoll und elegant mit einem Spaliergärtchen und Balkons ausgestattet. In dieser Stadt wurden allerdings schon um 21.30 die Stühle hochgeklappt, und wer wie wir dann noch nicht schlafen gehen will, der muss sich
Bad Windsheim
mit einer Bar begnügen, in der die Dartpfeile flogen und kichernde Mädchen vor der Tür rumhingen, bis der Besitzer kam und zur Ruhe mahnte, was auch sogleich befolgt wurde. Auch in diesem Hotel das traumhafte Frühstück, bereichert durch diverse Salate. Ein Rundgang am sonnigen Morgen bestätigte den Einduck: ein wunderschönes fränkisches Städtchen mit unverdorbenem Lebensstil und netten Menschen. Wer Ruhe sucht, wird sie dort ganz gewiss finden!

Die letzte Etappe führte durch das Taubertal, nun wieder allmählich der Heimat zu. Flache, bewaldete Bergrücken, Weinterassen, Steinriegel, dann wieder kleine Seen, uralte Gemäuer und Brückenheilige, Schmetterlinge, Blumenwiesen und Ruhe. Allerdings geht die Ruhe so weit, dass die Gasthäuser ihre Köche schon um 13.00 nach Hause schicken, weil eh kaum noch jemand kommt. Das Paradies wird durch Entzug der Lebensgrundlagen, nämlich des Tourismus, erkauft. Und es ist ein wahres Paradies!
Röttingen
In Röttingen, von einer alten Stadtmauer umschlossen, gibt es Tore und Winkel, in denen die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Und alles überschattet von dem großen, uns sehr bekannten Rothenburg, das von Bussen und Touristen aus aller Welt tagtäglich zu Tausenden gestürmt wird. Man muss nur ein paar Schritte hinuntergehen und steht in einem Tal mit einem Himmel, der weiter und höher wirkt als der unsrige. Nicht umsonst hat der Dichter Eduard Mörike Bad Mergentheim zum Wohnsitz erwählt, denn im Tauberta sei das Klima günstiger. Hier regne es viel weniger als anderswo, erklärte uns heiter ein Mann, deshab gedeihe auch der Win so gut. Dort sollte man ein Häuschen haben, im Garten sitzen, nachdenken, schreiben, basteln, kochen, radfahren, mit dem Nachbarn schwätzen und ab und zu in die große laute Welt eintauchen, die reale und die virtuelle. Und sich dazwischen hin - und herbewegen wie ein Aal im glasklaren Bach. Oder wie ein Vogel, der ohen Rücksicht auf heimatliche Bande immer wieder nach Süden fliegt.

Rothenburg o.d. Tauber

(Beitrag übernommen aus meinem Autorenblog "Schreibteufelchen")




Montag, 16. Mai 2016

Die Wurmlinger Kapelle

Wanderung von Hohentübingen zur Wurmlinger Kapelle


Viel ist schon über diesen „Klassikerweg“ geschrieben und gesagt worden. Oft bin ich ihn während meiner Studienzeit in Tübingen gegangen und auch in den vielen Jahren danach. Die romantischste Variante ist zweifellos diejenige, die auf dem Schloss Hohentübingen beginnt. Einst stand an dieser Stelle eine mittelalterliche Burg, die als „castrum twingia“ 1078 erwähnt wurde. Hier residierten die Pfalzgrafen von Tübingen, bis sie Burg und Stadt 1342 an die Grafen von Württemberg veräußerten. Heute gehört das imposante Renaissanceschloss der Universität. Die Wanderung bietet nicht nur landschaftliche Höhepunkte und botanische Kostbarkeiten, sondern auch diverse kulinarische Genüsse. An der Schlosssteige beim Haagtorplatz, auf der man ebenfalls zur Burg hinauf kommt, kann man das Gartenhäuschen sehen, in dem Johann Wolfgang Goethe anno 1797 mit seinem Verleger Cotta weilte. Heimlich nenne ich diese Wanderstrecke „Dichterweg“, denn es mögen ihn viele große und kleinere Köpfe gegangen sein, die seit dem 18. Jahrhundert in Tübingen wohnhaft waren.
Und hier ist die Wegbeschreibung: Durch einen schmalen, geheimnisvollen Gang im hinteren Schlosshof geht es hindurch zum Schänzle, dann nochmal eine düstere Treppe hinab. Eine mittelalterliche Athmophäre, die jäh durch den Austritt an die Mauer unterbrochen wird. Man sieht das silberne Band des Neckars und das weite Land mit dem Rammert-Buckel und den Dörfern Hirschau, Bühl und Kiebingen. Vorbei an Verbindungshäusern und dem Bismarckturm erreicht man den Waldrand. Es geht ziemlich lange geradeaus durch einen Buchenmischwald. Auf halber Höhe kann man rechts hinab zum Schwärzlocher Hof steigen, einem beliebten, nicht nur studentischen Treffpunkt mit Mostbowle und schwäbischen Gerichten wie Mostbraten, Linsen mit Spätzle und Sauren Kutteln. Der Hof wurde schon im Jahr 1085 erwähnt. Von der Terrasse genießt man einen schönen Blick ins Ammertal. Wandert man weiter nach Wurmlingen, erreicht man schließlich, gegenüber der Kapelle, einen Wiesenhang, auf dem im späten Frühjahr Orchideen blühen. Zur Kapelle St. Remigius muss man wieder hinaufsteigen, wird aber mit einer noch großartigeren Aussicht belohnt. Ludwig Uhland unternahm im Jahr 1815 einen Spaziergang zur Wurmlinger Kapelle und verfasste das bekannte Gedicht: 

Droben stehet die Kapelle,
Schauet still ins Tal hinab.
Drunten singt bei Wies' und Quelle
Froh und hell der Hirtenknab.

Traurig tönt das Glöcklein nieder,
Schauerlich der Leichenchor;
Stille sind die frohen Lieder,
Und der Knabe lauscht empor.

Droben bringt man sie zu Grabe,
Die sich freuten in dem Tal;
Hirtenknabe, Hirtenknabe!
Dir singt man dort auch einmal.
Ludwig Uhland, (1787 - 1862), deutscher Dichter und Mitglied des Frankfurter Paulsparlamentes.

Während ihres Studiums der Theologie im Tübinger Stift unternahm der Dichter Eduard Mörike, der ebenfalls mit Uhland befreundet war, einmal im Winter einen Rodelausflug mit dem Feuerkopf Wilhelm Waiblinger und anderen. Nachdem sie dem Wein derart zugesprochen hatten, dass der Ephorus im Stift verzweifelt die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen hätte, purzelten sie nacheinander in den Schnee und mussten mit einer Kutsche nach Tübingen zurückgeschafft werden.
Die heutige Kapelle St. Remigius wurde im Jahr 1680 errichtet und enthält eine romanische Krypta aus dem frühen 12. Jahrhundert. Sie ist von Mai bis Oktober in der Regel jeden Sonntag von 10.00 bis 16.00 Uhr geöffnet. Der Berg ist mit Weinreben, Esskastanien und einer mediteranen Vegetation bestanden. Bis in das Jahr 2004 gab es die Gaststätte „Kratzer“am Fuß des Kapellenberges. Bei einem Blick in den Bauerngarten kann man heute noch träumen von Heidelbeerwein, Most, Bier und deftigen Speisen. Das alljährliche Fleckenfest in Wurmlingen ist ebenfalls einen Besuch wert, nicht nur wegen seiner Oberländer Bratwürste mit Kartoffelsalat. Das nächste Fest findet vom 10.-11. September 2016 statt. Den Rückweg kann man durch das Ammertal nehmen oder aber mit der Ammertalbahn von Unterjesingen nach Tübingen fahren. (Halbstundentakt).


Hier noch eine exaktere Wegbeschreibung mit Schwierigkeitsgrad usw.








Sonntag, 24. Januar 2016

Winter im Schwarzwald

In diesem Jahr wurde uns eine ganze Woche reiner Winter beschert. Ein Moment zum Innehalten . mit dem Blick auf die Schwarzwaldberge bei Nagold. Das Sonnenwetter zusammen mit dem Schnee trieb Hunderte zu Spaziergängen üer die Höhen, auf die Loipen und Pisten. Als Urlaubsziel wird der Schwarzwald immer beliebter, zusammen mit Bayern steht Baden-Württemberg ganz oben auf der Wunschliste.

Das heutige Schmuddelwetter habe ich dazu genutzt, Ordnung in meinen Blog "Orte zum Reinschmecken" zu bringen. Habe einiges gelöscht, anderes in regionale und Sach-Kategorien  unterteilt. So findet sich der Besucher besser auf der Seite zurecht, anstatt nach anderen Beiträgen lange scrollen zu müssen. Es gibt jetzt die Kategorien "Wanderungen", "Schwäbische Alb", "Neckarland", "Schwarzwald", "Hohenlohe und Stromberg", "Oberschwaben und schwäbisches Allgäu" sowie "Bodensee." Eine Extrasparte gab es für den Dichter Daniel Schubart und für die Blumeninsel Madeira. In der nächsten Zeit wird das laufend ergänzt und es sollen immer wieder neue Beiträge dazukommen. Jetzt wünsche ich viel Spaß beim Stöbern auf der Seite - es ist für jeden etwas dabei.

Dienstag, 5. März 2013

Schiller und Mörike in Lorch

Kloster Lorch, Grablege der Staufer
Anfahrt: Von Stuttgart auf der Schnellstraße nach Schwäbisch Gmünd -Aalen



Das "Schillerbänkchen" in Lorch
Lorch - eine alte, weit abgelegene Pfarrei - wurde wohl im 11. Jahrhundet von staufischen Chorherren gegründet. Die Stadtkirche steht hinter Friedhofsmauern, noch im Bereich eines ehemaligen römischen Lagers. Das bewachte einst den hier aufeinandertreffenden rätischen und obergermanischen Limes. In dem hübschen Ort stehen alte Fachwerkhäuser, darunter auch die zeitweiligen Wohnhäuser von Schiller und Eduard Mörike. Auf einer Anhöhe befindet sich das ehemalige Kloster Peter und Paul, 1102 vom ersten Herzog aus dem Hause Staufen gestiftet?an der Stelle einer ehemaligen Burg. Die Staufer hatten hier seit 1140 ihre Grablege, die Gräber der Kaiser sucht man allerdings vergeblich:
Heinrich IV. und Friedrich II. ruhen in Palermo, Friedrich Barbarossa ist in Kleinasien verschollen. Nur Königin Irene aus Byzanz wurde hier bestattet. Vom Kloster-Kreuzgang ist ein Stück des Nordflügels erhalten, ebenso das Konventgebäude mit zwei Sälen unten und Resten des Dormitoriums oben. Ferner noch vorhanden sind die Prälatur aus dem 16. Jahrhundert sowie der Fruchtkasten. Auch die Ringmauer ist, nebst Eckturm, noch größtenteils erhalten. Sehenswert, wenn nicht eine Reise wert ist das Monumentalgemälde von der Geschichte der Staufer, von Hans Kloss zum 2000ten Jubiläum des Klosters erarbeitet. Der Künstler erschuf das Bild von der Mitte der neunziger Jahre bis 2002. Ein prächtiger kleiner Garten rundet die schöne Anlage ab, mit einem römischen Wachtturm am Beginn des Limeswanderweges.


Vom Kloster führt ein ausgeschilderter „Limeswanderweg“ an der ehemaligen Befestigungsanlage der Römer entlang. Schon die alten Dichter wussten die Vorzüge dieser Region zu schätzen. Friedrich Schiller lebte von seinem 4.-7. Lebensjahr in Lorch. Seine Schwester Christophine hat die Spiele beschrieben, mit den der junge Friedrich seine drückenden Erlebnisse in der Schule und im Elternhaus kompensierte. Besonders liebte er „Pfarrerspiele“.
„Mutter und Schwester mussten dem Knaben eine schwarze Schürze umbinden und ein Käppchen aufsetzen, dabei sah er sehr ernsthaft aus. Wer zugegen war, musste zuhören, und wenn jemand lachte, wurde er unwillig und lief fort und war so bald nicht wieder zu sehen.“
                                                   
Einige Zeit später notierte Eduard Mörike, de sich von 1867 bis 1869 hierher zurückzog, in den ersten Tagen in sein Notizbuch:
„Wahr aber ist, ich lebe hier, Essen und Trinken abgerechnet, fast nur vom Genuss der Gegend, insbesondere der Luft, und habe kaum noch eine Feder angerührt. Wir haben hier vollkommen, was wir brauchen, was Gretchen fast noch mehr als ich bedurfte: die lang ersehnte absolute  Ruhe und Stille.“
                                                           
„Die ersehnte Ruhe fand Eduard in der Natur, auf Spaziergängen allein oder mit der Familie. Am frühen Morgen traten Eduard, Margarethe, Klara, Fanny und Marie aus dem Gasthaus „Rössle“ in Lorch. Eduard war selig. Ein Familienausflug zum Wäscherschlösschen! Es versprach ein wunderbarer Tag zu werden. Sie wanderten an der Ziegelhütte vorbei, immer der Rems entlang. Hohe Pappeln und Erlen standen am Weg. Dann nahm ein dichter Wald sie auf. Nach einer Zeit, die sie lebhaft plaudernd durch die Hallen der Buchen und Tannen geschritten waren, weitete sich der Blick auf ein wildromantisches Tal. Ein Bach gluckste friedlich glitzernd in Mäandern durch die Wiese, die mit gelben Trollblumen übersät war. Eduard wurde ganz ruhig; alle Schmerzen waren in diesem Moment von ihm abgefallen. Er fühlte sich eins mit Gott und der Natur.
Die Sonne stand jetzt hoch am Himmel und sie gerieten gehörig ins Schwitzen. Margarethe hielt ihren Schirm über sich und war bemüht, ihr weißes Kleid nicht zu beschmutzen. An der Beutenmühle, deren Räder durch die Stille klapperten, machten sie Rast, tranken Wein und Sprudelwasser. Eduard zog seinen Gehrock aus und nahm Margarethes Hand. Seine graublonden Haare klebten an den Schläfen und er griff nach dem Spazierstock mit dem Tierkopfknauf.
„Zum Mittagessen sollten wir im Wäscherhof sein“, verkündete er und richtete sich mühsam auf. Die Mädchen sprangen beim Weitergehen hin und her und zeigten Eltern und Tante ihre Funde: einen Strauß aus Vergissmeinnicht und Bachnelken, eine Kröte, bei deren Anblick Margarethe „pfui!“ schrie und eine Versteinerung. Schließlich erreichten sie das Wäscherschloss mit seinem alten Fachwerk und der trutzigen Mauer. In der Ferne standen blau die Kaiserberge. Die Wirtsleute des Wäscherhofes hatten roh gezimmerte Bänke und Tische ins Freie gestellt und dort speisten unter schattenspendenden Linden die Gäste. Gelöst ließ Eduard sich inmitten seiner Familie nieder. Es wurde alles aufgefahren, was das ländliche Schwaben zu bieten hatte: Maultaschen, dreifach dick mit Brät gefüllt, in der Brühe und mit Zwiebeln abgeschmälzt; Bauernbratwurst, Kartoffelsalat, Sauerbraten und Hirschragout mit Spätzle und Bubenspitzle. Zum Nachtisch aß man Grießnocken und trank Kaffee aus kleinen Tassen, süß und heiß.
Während die Unterhaltung lebhaft von einem zum anderen Thema sprang, erinnerte sich Klara:
„Die Fanny hat mal was Nettes zum katholischen Glauben gesagt.‚Papa, gelt, der Unterschied von homöopathisch und den anderen Arzneien ist nur wie katholisch und deutsch. Die Mutter ist katholisch und wir deutsch.“
Eduard sah Margarethes traurigen Blick und dachte daran, dass diese Idylle nicht mehr lange währen würde. Fanny und Marie mussten wieder in die Schule nach Stuttgart; die Anwesenheit der Eltern war erforderlich und die doppelte Haushaltsführung belastete das Familienbudget über die Maßen. Wenn es doch immer so bleiben würde wie in Lorch!“

 (c)Christa Schmid-Lotz, Eduard Mörike. Ein Leben auf der Flucht. Salzer 2004
Kindle Edtion 2012 von Christa Schmid-Lotz

Sonntag, 16. Dezember 2012

Schwäbisch Hall, Perle des Hohenloher Landes






Schwäbisch Hall

Schwäbisch Hall ist und bleibt eines der schönsten Städteziele in Baden-Württemberg. „Auf diese Steine können Sie bauen“ lautet der Slogan der Haller Bausparkasse - sie hält den Namen der hohenlohischen Stadt in aller Munde und weithin bekannt ‒speziell unter den „Häuslesbauern“. Und dann sind da noch die steilen Treppen, 54 Stufen, der Michaelstreppe, 1507 erbaut und seit 1925 Schauplatz der weitbekannten Festspiele. Oben steht die 1156 als romanische Basilika begonnene Michaelskirche. 
Hervorragendes Kunstwerk ist der monumentale Kruzifixus des Ulmer Meisters Erhardt‒datiert auf das Jahr 1494. Sehenswert ist auch eine Ölbergszene aus dem Jahre 1506. Von den Stufen der Kirche sieht man gegenüber das Pendant, das Haller Rathaus, das nach dem Stadtbrand von1728 den Platz der Kirche des 

Franziskanerklosters einnahm.
 
Das gesamte Ensemble spiegelt höchste Dualität der Architektur wider. Auffallend auch das schöne Claussitzerhaus sowie das Beslersche Haus und ‒natürlich der Marktbrunnen mit dem Pranger. Schöne Eckhausfassaden, wie die des „Goldenen Adlers“ und des „Stierschen Hauses“ (Café am Markt).

Trotz einiger Bausünden ist Schwäbisch Hall eine durch und durch attraktive Stadt, mit einem mittelalterlichen Kern, durch den man stundenlang streifen kann, besonders schön am Abend, wenn die Laternen die Fachwerkhäuser, Gassen und Winkel beleuchten. Fangen dann die Kirchenglocken an zu läuten, meint man sich ins Mittelalter versetzt, besonders auch dann, wenn man dem Nachtwächter auf einem seiner nächtlichen Rundgänge begegnet.  
Am tiefsten scheint das Mittelalter in der Oberen Herrngasse, in der auch der Dichter Eduard Mörike mit seiner Schwester Klara gewohnt hat. Am 25. März 1844 beschreibt er O. Schmidlin seinen Wohnsitz:
... in der alten Herrengasse , unweit der Kirche, ein derzeit völlig leeres Haus vom guten, ehrenwerten Schlag, mit laufendem Brunnen im unteren Oehr, gemalten Plafonds etc. Die Gasse ist sehr eng, dagegen übersieht der 2. Stock, den wir bewohnen, die gegenüberliegenden Giebel und gleich dahinter eine freundliche Landschaft.“ Bei Ausflügen in die schöne Umgebung nahm Mörike eine alte Vorliebe wieder auf: das Sammeln von Petrefakten, Versteinerungen aus dem urzeitlichen Jurameer. Sein Hobby betrieb er gründlich und fast wissenschaftlich: Er klassifizierte und beschriftete die Steine und korrespondierte mit Geologie-Professoren. Jedoch sagte ihm das Klima in der Kocherstadt nicht zu, wie an so vielen Orten. So zog er, nach einer Kur in Nürtingen, am 1. November 1844 zusammen mit Klara nach Bad Mergentheim.

Geld macht nicht glücklich, aber es beruhigt.“
So hatte Hall eine eigene Münze geprägt, den Heller, der für den Wohlstand der Stadt bürgte. Ihr Reichtum indes lag im Haalquell, der Haller Sole‒so wurden die Haller buchstäblich mit Salz aufgewogen! Auf der Kocherinsel, genannt „Grasbödele“, wird alljährlich das Haller Brunnen-und Kuchenfest gefeiert, mit Tanz, Musik und deftigen Gerichten und Sprüchen. Da Schwäbisch Hall eine Salzstadt war, geht es hier vor allem um das Salzsieden und alles, was darum herum wichtig war. Vormittags verteilen die Sieder die Mühlenbrote an die Altersheime, Sünder werden in den Siederturm gesperrt. Nachmittags wird die Arbeit an den Salzpfannen unterbrochen, um den Brand in der Mühle zu löschen, wofür es jedes Jahr den schweren Siederskuchen gibt. Über den Sulfersteg, neben dem der Sulfer Turm die Furt bewacht, gelangt man zum Haallplatz, wo sich einst über der achteckigen Fassung der Solquelle das Schöpfwerk befand.
Die Südseite der Haller Stadtwehr ist wohl die eindrucksvollste. Der Turm mit den Pechnasen vor der Zwingermauer und der Mantelturm sind Zeugen der mittelalterlichen Zeit, ebenso der Zwingergraben. Hier überspannt heute ein Stahlsteg den Schiedgraben. Keckenhof und Keckenturm zeugen von spätstaufischer Zeit‒in der Keckenburg ist das Hällisch-Fränkische Museum untergebracht.  
Von hier aus überquert man über den steinernen Steg den Kocher, der sich an der Stelle in mehrere Arme teilt.

Das Hohenloher Land mit den Orten Neuenstein, Öhringen, Pfedelbach und Künzelsau, um nur einige zu nennen, ist ein abwechslungsreiches, geschichtsträchtiges Land, das in sich und durch sich selbst ruht, mit wenig Industrie, viel Landwirtschaft‒man denke an das Schwäbisch-Hallische Landschwein, eine nachhaltige Züchtung der Gegend. Einer doch noch vielfältig erhaltenen Natur begegnet man rund um den Berg Einkorn, zahlreiche Seen laden zum Baden und Verweilen. Die Gelassenheit und Gemütlichkeit der Menschen ist überall spürbar, der sympathische Dialekt überall hörbar. Kein großes Gehabe in diesem Landstrich, dafür viele kleine und schöne Gesten. Mittelalter und Renaissance sind in den Städten, Dörfern und Bauernhöfen präsent, wenn man das Auge, Zeit und Muße dafür hat. Kocher‒und Jagsttal mit ihren Wiesen, sanften Höhen, Schlössern, Burgen und Klöstern sind ausgesprochen reizvolle Landschaften und bei Fahrradfahrern sehr beliebt. Stundenlang kann man durch Hohenlohe reisen, auf Straßen, die von unzähligen Mistelbäumen umstanden sind, an weiten Feldern und Äckern vorbei mit bräunlichen Höfen, mit Senken und Waldinseln, im Sommer durch Auen voller Butterblumen und Vergissmeinnicht, mit dem glitzernden Fluss hinter den Uferweiden.
Auf der Comburg bei Schwäbisch Hall
Ausflugsziel: Rothenburg ob der Tauber
Blaue Zipfel oder Saure Zipfel sind eine Spezialität der fränkischen Küche, in Essigsud gegarte Bratwurst.
Für die Zubereitung wird zunächst ein Sud aus Zwiebeln, Essig, Weißwein, Lorbeerblättern, Pfefferkörnern, Nelken und Wacholderbeeren gekocht. Die rohen Bratwürste (meist fränkische Bratwurst oder Nürnberger Rostbratwurst) lässt man in diesem Sud 10 Min. bei schwacher Hitze ziehen. Dabei laufen die Bratwürste leicht bläulich an. Sie werden mit etwas Sud, den Zwiebeln, Bauernbrot, Brötchen oder Brezeln serviert.

(c) Christa S. Lotz und Peter Stubenvoll, 2010

Freitag, 8. Juni 2012

Eduard Mörike und der Blautopf in Blaubeuren

Auf Mörikes Spuren:

Blaubeuren - vom Blautopf, dem Kloster und der schönen Lau

In Blaubeuren kann der Gast durch erdgeschichtliche Dauerepisoden wandeln. Der Ort war früh besiedelt, wovon heute noch die Funde aus den umliegenden Höhlen zeugen, darunter die Venus, die Urmutter oder Fruchtbarkeitsgöttin aus dem Hohlen Stein, die mit zu den ältesten Kunstwerken der Welt gehört. Die Stadt selbst erwarb 1247 Stadtrecht. Berühmt geworden ist sie durch den Blautopf. Dieser Quelltopf ist ein Ort der Sagen und Legenden. Die blaue Farbe wurde einst dadurch erklärt, dass täglich ein Fass voller Tinte hineingeschüttet würde. Im Volksglauben war der Blautopf bodenlos. Die Versuche, mit einem Bleilot die Tiefe zu messen, wurden anscheinend immer von einer Nixe vereitelt, die das Gewicht stahl. Unweit des Blautopfs gibt es einen Felsen mit dem Namen 'Klötzle Blei'. Und auch ein bekannter Zungenbrecher hat sich erhalten:

Glei bei Blaubeira leit a Kletzle Blei -
´s leit a Kletzle Blei glei bei Blaubeira
Der Blautopf und die schöne Lau: Das verbindet der Urlauber mit dem malerisch gelegenen Erholungsort, der zwischen Felsen, Wiesen und Wald in die Talschlinge der Urdonau eingebettet ist. Der Blautopf ist eine der größten Karstquellen Deutschlands. Sein Wasser schimmert blaugrün, was durch Partikel im Wasser und das Sonnenlicht hervorgerufen wird. Das Wasser kommt aus einem weitverzweigten Höhlensystem, das der Höhlenforscher Jochen Hasenmayer vor seiner Lähmung erforschte (und weiter mit einem speziellen Unterwasserfahrzeug erforscht), und dabei 1986 den Mörike-Dom entdeckte, den größten Höhlenraum und -See der Schwäbischen Alb. Der Dichter Eduard Mörike siedelte hier das Reich der Schönen Lau an, eingebettet in seine Erzählung „Das Stuttgarter Hutzelmännlein“. Die Schöne Lau war die Tochter einer Menschenfrau und eines Wassernix aus dem Schwarzen Meer, die von ihrem Gemahl, dem Donaunix, in den Blautopf verbannt wurde, weil sie nicht lachen konnte und nur tote Kinder gebar. Sie durfte erst zurückkehren und ein Kind gebären, wenn sie fünfmal gelacht hatte. Dabei half ihr unter anderem die Wirtin des Nonnenhofs.

Zu unterst auf dem Grund saß ehmals eine Wasserfrau mit langen fließenden Haaren. Ihr Leib war allenthalben wie eines schönen, natürlichen Weibs, dies eine ausgenommen, daß sie zwischen den Fingern und Zehen eine Schwimmhaut hatte, blühweiß und zarter als ein Blatt vom Mohn. Im Städtlein ist noch heutzutag ein alter Bau, vormals ein Frauenkloster, hernach zu einer großen Wirtschaft eingerichtet und hieß darum der Nonnenhof. Dort hing vor sechzig Jahren noch ein Bildnis von dem Wasserweib, trotz Rauch und Alter noch wohl kenntlich in den Farben. Da hatte sie die Hände kreuzweis auf die Brust gelegt, ihr Angesicht sah weißlich, das Haupthaar schwarz, die Augen aber, welche sehr groß waren, blau. Beim Volk hieß sie die arge Lau im Topf, auch wohl die schöne Lau.“

Das mehr als 900 Jahre alte Kloster wurde von Benediktinern gegründet und bekam seit 1510 seine heutige Gestalt. 1536 wurde eine Klosterschule eingerichtet, 1871 ein evangelisch-theologisches Seminar, aus dem Persönlichkeiten wie David Friedrich Strauß, Friedrich Theodor Vischer und Wilhelm Hauff hervorgingen. Der Hochaltar von 1497 von der Ulmer Schule, Tafelmalereien von Bartholomeus Zeitblom und Bernhard Striegel zieren die Kirche sowie das Chorgestühl von Jörg Syrlin d. J.(1493). Im Kreuzgang erfährt man viel über die Geschichte des Klosters und den Alltag der Mönche. Hier kann man in Ruhe wandeln und die alten Zeiten wieder auferstehen lassen. Im Badhaus der Mönche ist ein sehr interessantes Heimatmuseum untergebracht.Angeblich haben die Adligen, wenn sie so richtig vollgelaufen waren, die Mönche aus dem Fenster des Badhauses in die Blau geworfen! Das Städtchen selbst ist sehr hübsch in seiner mittelalterlichen Struktur erhalten. Im Heilig-Geist-Spital aus dem 15. Jahrhundert befindet sich heute das Urgeschichtliche Museum, in dem steinzeitliche Funde aus den umliegenden Höhlen, wie aus dem Geißenklösterle, ausgestellt werden. Darunter sind auch die oben erwähnten ca. 32000 Jahre alten Schnitzereien aus Mammutelfenbein, die zu den ältesten Kunstwerken der Welt gehören.
Im ehemaligen Amtshaus des Klosters ist die Schubartstube untergebracht. Hier erfolgte im Jahr 1777 die Ergreifung des Dichters, Schriftstellers und Publizisten Friedrich Daniel Schubart. Herzog Karl Eugen hatte ihn durch einen Spitzel von Ulm nach Blaubeuren gelockt, um ihn auf württembergischem Territorium verhaften zu können. Zehn Jahre lang verbrachte er auf der Festung Hohenasperg, wo er an Leib und Seele gebrochen wurde.

Die Höhlen um Blaubeuren: Hohler Fels

Der Hohle Fels ist eine große Hallenhöhle, die aus einem Felskopf des früheren Jurameeres herausgelöst wurde. Die archäologischen Fundschichten reichen von der jüngeren Altsteinzeit bis zur Zeit der Neandertaler vor über 50.000 Jahren hinab. Gelebt haben die Menschen überwiegend im Eingangsbereich der Höhle. Im Hohle Fels finden nach wie vor Ausgrabungen statt. Wie das Geißenklösterle, ist er sehr gut erforscht. Neben wichtigen Hinweisen auf das tägliche Leben der Eiszeitmenschen wurden auch mehrere Elfenbeinfiguren (Wasservogel, Pferdekopf, kleiner Löwenmensch) mit einem Alter von 32 000 bis 35 000 Jahren und Ritualobjekte gefunden. In einer Schnitzwerkstatt für Mammutelfenbein wurden wunderschöne Schmuckstücke gefertigt.

In einigen Hotels der Stadt Blaubeuren kann man Fahrräder ausleihen und entlang dem Donauradweg durch das Blautal nach Ulm fahren. Oder durch das Schmiechtal nach Ehingen. Alles Wissenswerte, Unterkunft, Essen und Trinken, Anfahrt unter diesem Link.
Blaubeuren-Tourismus

Die Gulaschsuppe im "Café Kulisse" ist mir übrigens in bester Erinnerung!






Donnerstag, 18. August 2011

Eduard Mörike und Bad Urach

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Bad Urach - zwischen Albtrauf, Höllenlöchern und Wolkenstühlen

Kommt man von der Albhochfläche auf die Stadt zugefahren, die ganz tief im Tal eingebettet liegt, sieht man die weißen Felsbänder auf der gegenüberliegenden Seite und fühlt sich an Mörikes Gedicht „Besuch in Urach“ erinnert:
Da seid ihr alle wieder aufgerichtet,
Besonnte Felsen, alte Wolkenstühle!
Auf Wäldern schwer, wo kaum der Mittag lichtet
Und Schatten mischt mit balsamreicher Schwüle.
Kennt ihr mich noch, der sonst hierher geflüchtet,
Im Moose, bei süß -schläferndem Gefühle,
Der Mücke Sumsen hier ein Ohr geliehen,
Ach, kennt ihr mich, und wollt nicht vor mir fliehen?


 
In steilen Kehren mit atemberaubenden Ausblicken geht es hinab. Bad Urach liegt in einer sogenannten Talspinne, das heißt, vom Ermstal, in das Urach eingebettet ist, zweigen insgesamt fünf Flusstäler ab. Im 11. Jahrhundert stand hier ein Wasserschloss, aus dem sich ein Marktflecken entwickelte. Graf Eberhard im Barte, der Vielgeliebte, wurde 1445 im Schloss Urach geboren. Ihm sind die Amanduskirche und das Rathaus zu verdanken. Bei seiner Heirat 1474 mit Barbara Gonzaga von Mantua wurde ein rauschendes, alles übertreffendes Fest im Schloss gefeiert. Als Schlossbesucher kann man das „hautnah miterleben“, indem man sich Kopfhörer ausleiht und den Spuren der Vergangenheit durch die Residenz folgt. Da hört man den Lärm der Zecher, erfährt, dass Graf Eberhard in den drei Tagen seiner Hochzeit 16500 Laib Brot ausgab, zwölf Eimer Rheinwein, 500 Eimer Neckarwein. Eberhards Frau, die Gräfin Barbara von Mantua-Gonzaga, heiratete er im zarten Alter von 13 Jahren (er selbst war 29). Auch wenn sie ihrem Gatten keine Kinder schenkte, war die Ehe glücklich.

 „Au wenn se eam koine Kendle bracht hat, war se sehr beliebt. Se hat na bloß z’viel Spätzle gesse ond am Schluss zwoi Zentner gwoga! Aber se war a rechts Weib!“Den Betstuhl des Grafen kann man heute noch in der Amanduskirche sehen. Eberhard im Bart, der seine Devise "Attempto" "Ich wags" von einer Pilgerfahrt nach Jerusalem mitgebracht hatte, gründete 1477 die Universität Tübingen. Eine „rollende Sau“ zeugt seit über 500 Jahren vom Jagdglück Herzog Ulrichs von Württemberg, der das Achtzentnerschwein aus Holz nachbilden und ihm die Decke des erlegten Wildes überziehen ließ. Im 20. Jahrhundert soll eine Besucherin zu Tode erschrocken sein, als ihr die Sau entgegenrollte. Seither rollt die Sau vom Schloss nicht mehr. Der Marktplatz von Urach zählt zu den schönsten der Schwäbischen Alb.
Im evangelisch-theologischen Seminar neben der Kirche hielt sich Eduard Mörike als Stipendiat auf. 

Im Jahre 1818 wird Eduard – auf dem „Gnadenwege“, weil er das Landexamen nicht bestanden hatte – in das Niedere Theologische Seminar Bad Urach aufgenommen. Hier lernt er die Werke von Shakespeare, Goethe, Jean Paul und der Romantiker kennen. Seine Gesundheit ist angegriffen. Er schließt Freundschaft mit Johannes („Jobst“) Mährlen und Wilhelm Hartlaub, später mit Wilhelm Waiblinger. Waiblinger nimmt an den Lektionen des Uracher Seminars von Stuttgart aus sporadisch teil; er besucht dort das Obere Gymnasium.Württemberg ist zu dieser Zeit Kurfürstentum; dem Namen nach besteht noch das Römische Reich Deutscher Nation. Wilhelm I. regiert von 1781 – 1864 als König von Württemberg; er ist ein nüchterner, vernünftiger, gebildeter Monarch, der jedoch liberal- demokratische Ideen für verderblich hält. In den theologischen Seminaren herrscht eine strenge Zucht. Dem Drill im Tagesablauf entflieht Eduard durch Dichten und Umherschweifen in der wunderbaren Natur rund um Urach.
Rathaus von Bad Urach

Wanderung: Uracher Wasserfall-Runder Berg –Rutschenfelsen –Fohlenhof -Gütersteiner Wasserfälle

Vom Wanderparkplatz Maisenbühl unterhalb der Burg Hohenurach geht es auf einem bequemen Weg am Brühlbach entlang. Eine Gartenwirtschaft lädt zum Verweilen ein. Die Burg wurde 1235 erstmals erwähnt. In Zeiten des Friedens lebten zehn bis dreizehn Mann auf Hohenurach, in denen des Krieges 200. Wegen der Gefahr von Belagerungen musste die Burg immer mit Waffen, Pulver, Blei und Nahrungsmitteln ausgestattet sein, um die Besatzung mindestens ein viertel Jahr lang versorgen zu können. Aus dem Jahr 1490 sind folgende Vorratsangaben überliefert: 440 Zentner Roggen, 535 Zentner Dinkel, 214 Zentner Hafer, 3,5 Zentner Speck, 20 Zentner Schmalz, Erbsen, Linsen, Gerste, Brennholz und 16 000 Liter Wein, da es auf der Burg kein Wasser gab. Hohenurach diente lange Zeit als Staatsgefängnis. Der protestantische Philologe und Dichter Nicodemus Frischlin (1547-1590) wurde hier festgesetzt, weil er eine Streitschrift gegen den württembergischen Hof verfasst hatte. In der Nacht vom 29.auf den 30. November 1590 versuchte er, sich von der Festungsmauer abzuseilen, stürzte ab und brach sich das Genick. An der Stelle, an der er zu Tode kam, soll ein Totenköpflein, eine Orchideenart, geblüht haben. Verschiedene, steile Wege führen dort hinauf, Gehzeit ca. eine Stunde. 


Der Weg zum Wasserfall wird ständig vom klaren Brühlbach begleitet, der über Steine und Kiesel talabwärts fließt. Links erhebt sich der dicht bewaldetete Schlossberg, rechts öffnen sich Wiesen und Baumgruppen, dahinter die Kuppe des Runden Berges. Zum Wasserfall geht es ein Stück hinauf. Hier ist es im Winter, wenn der Fall zu einem bizarren Eisgebilde erstarrt ist, glitschig, zu jeder anderen Jahresszeit aber gut begehbar.  
Über eine Tuffnase rauscht der Brühlbach, der weiter oben auf der Hochwiese entspringt, hinab und sprüht tausend gischtige Tropfen. In trockenen Sommern kann der Bach auch einmal versiegen. Besonders eindrucksvoll ist das Schauspiel nach längeren Regenfällen. Weiter geht es auf einem Halbhöhenweg durch den Wald, durch die „Höll“, Richtung „Runder Berg“ und „Rutschenfelsen“. Zwischen April und Mai ist das Unterholz vom Duft des Silberblatts erfüllt. 
Silberblatt
 
Blick vom Rutschenfelsen auf Hohenurach
Es geht ziemlich steil hinauf. An einer Wegkreuzung kann man einen Abstecher zum Runden Berg machen. Die ersten Funde, die auf diesem Berg gemacht wurden, stammen aus der Bronzezeit um 1600 v.Chr. Nachdem der römische Limes überrannt worden war, ließen sich Alamannen auf dem Bergsporn nieder. Im 7. und 8. Jahrhundert war er Sitz eines fränkischen Adligen. In einem möglichen Palas wurden Schmuck, Scheibenfibeln und Spinnwirteln gefunden, außerdem eine Schmiede, Webstuben, eine Mühle und eine Küche. Wahrscheinlich war die Burg mit einer starken Reiterei besetzt. Es folgte eine ottonische Burg im 9. Jahrhundert. Im 11. Jahrhundert wurde der Runde Berg endgültig verlassen.  
Über den Bergsattel geht es zurück zum Wanderweg. Er führt nun weiter hinauf auf den Rutschenfelsen, von dem sich eine einmalige Aussicht auf Urach, das Tal und die umliegenden Berge bietet. Der Name kommt daher, dass früher die Baumstämme über diesen Felsen zu Tal gebracht wurden. Ochsen zogen die Baumstämme an den Rand, dann wurden sie mit Hilfe einer hölzernen, später gusseisernen Rutsche hinabgelassen. Der Weiterweg (Richtung Fohlenhof) führt über steinigen Untergrund, durch Buchenwälder zum Fohlenhof, einer Abteilung des Landesgestüts Marbach. Richtung „Gütersteiner Wasserfälle“ geht es durch Wiesen bis zum Waldrand und zum Tal hinunter. Auf halbem Weg trifft man auf die Gütersteiner Wasserfälle, die über unzählige Tuffsteinstufen sprudeln. Einst stand hier ein Kloster, von dem keine Reste mehr erhalten sind. Es wurde von 1279 bis 1439 von Benediktinern bewohnt, dann in eine Kartause umgewandelt, welche bis 1534 bestand. Die abgeschiedene, schwer zugängliche Lage war ein idealer Standort für den Eremitenorden der Kartäuser. In Kehren geht es weiter hinab bis ins Maisental, von wo aus man bald wieder den Wanderparkplatz erreicht.

Ebenfalls sehenswert sind die Schillerhöhle, in der nach Weinland Rulaman gehaust hat, dicht dabei der Rulaman-Wanderweg, die Ruine Hohenwittlingen, der Bröller, ein Quelltopf, der Heidengraben und der Dolinenweg bei Hengen.
Im Jahr 2011 – immer in den Jahren mit ungeraden Zahlen - feiert Urach wieder seinen Schäferlauf, um Jakobi herum. Die Geschichte dieses Volksfestes geht in das Jahr 1723 zurück. Auch heute noch wird der Lauf traditionell abgehalten. Um fünf Uhr in der Frühe wird die Tagwache geblasen, eine Stunde später folgt das Böllerschießen von den Höhen. Nach Eintreffen des „kleinen Festzuges“ wird der Bürgermeister im Rathaus abgeholt, der anschließend den Ehrentanz mit einem Metzgermädchen tanzt. Nach Kirche und Festzug mit Schäferkönigskutsche tanzen auf dem Festplatz die Kreisreiterpaare ihre alten Tänze, den Metzger- und den Bechertanz. Höhepunkt sind der Schäferlauf sowie die Wettläufe der jungen Schäfer und der Schäfermädchen. Ein Schäferkönigspaar wird gekrönt, und schließlich tritt der „Uracher Schäferreigen“ auf.
Die Schafhaltung hat eine sehr alte Tradition auf der Schwäbischen Alb. Den Schafen haben wir die Wacholderheiden zu verdanken, da sie deren Triebe und auch die der Orchideen wegen ihrer Bitterkeit nicht fressen. So wurde verhindert, dass der Wald wieder Besitz von den Heiden ergriff. Eine Zeit lang ging die Schäferei stark zurück, ist aber wieder dabei, sich zu entwickeln. Auch erfreuen sich Lammgerichte immer größerer Beliebtheit. Einige Restaurants haben sich auf „Alb-Lamm-Gerichte“ spezialisiert. Das beste Lammkeulenrezept entstammt einer Anregung aus dem damaligen „Zeitmagazin“. Mit persönlichen Abwandlungen gebe ich es hier wieder.

Lammkeule (das Fünf-Stunden-Lamm)

1 Alb-Lammkeule mit Knochen
2 Knoblauchzehen
4 EL ÖL oder Butterfett
1 Zweig Rosmarin
1 Bund Suppengrün
2 Zwiebeln
1 Flasche Rotwein
2 Becher saure Sahne oder Creme fraiche
Salz, schwarzer Pfeffer

Dickere Fettschichten von der Keule entfernen, mit einem Messer einstechen und mit Knoblauchstiften spicken. Das Fleisch mit etwas Öl beträufeln, einreiben. Suppengemüse würfeln, zsammen mit gehackten Zwiebeln in einer Pfanne anrösten. Backofen auf 150° vorheizen. Öl oder Butterschmalz in einem Bräter erhitzen, Keule scharf anbraten. Salzen und pfeffern. Mit ¼ l Rotwein ablöschen, Suppengrün und Rosmarin zugeben, Bräter in den Ofen schieben. Lammkeule jede Stunde wenden, Rotwein nachgießen, mit etwas saurer Sahne binden. Nach 4 ½ Stunden restlichen Wein und Rest der sauren Sahne nachgießen. Nach 5 Stunden probieren, ob sich das Fleisch vom Knochen lösen lässt. Ruhen lassen. Bratensatz durch ein Sieb gießen (oder das Gemüse mit servieren) und mit der restlichen Sahne binden. Im Stück zusammen mit grünen Bohnen und Salzkartoffeln servieren. Dieses „5-Stunden-Lamm“ ist ein Gericht, in das Gäste hineinkriechen könnten! Eine etwas weniger aufwendige und „schlankere“ Methode wäre eine kürzere Garzeit (Keule rosig gebraten, schmeckt auch sehr gut), dazu einfach als Soße den Lammjus geben.




Sonntag, 17. Juli 2011

Auf Dichterspuren: Das Kernerhaus in Weinsberg

Die Stadt ist durch die „Weiber von Weinsberg“ bekannt geworden, aber auch durch das „blutige Osterfest“ im Bauernkrieg 1525. Justinus Kerner mit seinen berühmten Gästen hat dem Ort sein Gepräge gegeben. Um 1200 wurde Weinsberg zur Stadt erhoben und blieb bis1440 Reichsstadt, 1525 vom „Schwäbischen Bund“ völlig zerstört, 1534 vom Herzog von Württemberg wieder aufgebaut.Von zwei Türmen sind Reste erhalten, der sogenannte „Geisterturm“ beim Kernerhaus sowie der Wartturm in der unteren Mauer. Der malerische Marktplatz steigt steil hinauf. Die Stadtkirche St. Johannes ist eine spätromanische Basilika. In den Kirchturm hatten sich im Bauernkrieg die Ritter geflüchtet, von den Bauern verfolgt. Vom Turmkranz wurde der Ritter von Weiler heruntergeschossen. Das Kernerhaus hat noch die alte Einrichtung bewahrt, ebenso interessante Erinnerungsstücke an Friederike Hauffe, die „Seherin von Prevorst“. Die Burg Weinsberg war im Mittelalter bedeutende Anlage der Neckargaustaufen, später Reichsburg, dann Welfenbesitz. Meist wird sie „Weibertreu“ genannt‒nach der verlorenen Schlacht der Welfen gegen den Staufer Konrad III.‒ 1440‒durften die Frauen das mitnehmen, was sie auf dem Rücken tragen konnten‒und sie trugen ihre Männer ins Tal.
Die Sage von der „Weibertreu“ geht zurück auf die „lateinische Chronik“ der Benediktinermönche von St. Pantaleon zu Köln.
Der Dichter und Arzt Justinus Kerner, bei dem auch Uhland häufig zu Gast war, bemühte sich stark um die Ruine und bewahrte sie vor dem völligen Verfall. Äolsharfentöne hört man aus den Mauern, und alles ist bestens restauriert! Unten in der Stadt gruppieren sich die alten Häuser um die Stadtkirche, deren merkwürdigstes wohl das Kernerhaus ist. Kerner hatte seinem Besitz einen uralten Stadtturm hinzugefügt, indem er chemisch laborierte, dichtete, Geister beschwor und sich als Exorzist betätigte. Aber auch viele der zahlreichen Gäste wurden dort untergebracht. Nikolaus Lenau hat hier seinen „Faust“ geschrieben und sich dabei keinen würdigeren Platz aussuchen können.
Eine zum Teil reizvolle Landschaft umgibt die Stadt Weinsberg. Der große Nachteil liegt in dem starken Verkehr (die Autobahn führt direkt daran vorbei) und einer doch ziemlich sichtbaren Zersiedelung.

Etwas mehr als dreihundert Jahre nach dem Blutsonntag von Weinsberg sah es in dem Städtchen Weinsberg ganz anders aus. Justinus Kerner bewirtete Staatsmänner, Dichterfreunde, fahrende Schüler und Bettler. Eines Tages fand auch sein Freund aus Tübinger Tagen, der Pfarrer und Dichter
Eduard Mörike, den Weg ins Kernerhaus.
(c) Peter Stubenvoll, Christa S. Lotz

Zwischen Abgrund und Apfelbaum

Eine furchtbare Zeit lag hinter Eduard Mörike. Er war dem Tod gerade noch von der Schippe gesprungen; grinsend hatte er Nacht für Nacht an seinem Bett gestanden. Mutter und Schwester Klara hatten sich nicht mehr zu helfen gewusst und den Arzt und Dichterfreund Justinus Kerner aus dem benachbarten Weinsberg zu Hilfe gerufen. Der war auch prompt nach Cleversulzbach gekommen und hatte den Todkranken behandelt. An einem Morgen im August 1837 war es dann endlich so weit: Der erste Besuch bei Kerners in Weinsberg stand an. Eduard ließ von seinem Vikar einspannen und die Kalesche rollte durch das liebliche Tauberland. Die Sonne stand schon hoch am Himmel. Eduard wurde es warm in seiner wollenen Jacke. Die blonden Locken, die unter dem Filzhut hervorquollen, waren feucht vom Schweiß. Eduard rückte seine Brille gerade und blinzelte in das flirrende Licht, das die grünhüglige Landschaft leuchten und die Äpfel in den Bäumen rot aufglänzen ließ. Endlich Ruhe! Eduard hörte die Lerchen hoch oben in der Luft, ein Bach mäanderte durch grüne Wiesen. Unbeweglich stand der Reiher an seinem Ufer, das von Silberweiden und Erlen gesäumt war. In der Ferne sah der Dichter die Burg Weibertreu auftauchen, an deren Fuß Kerner sich vor Jahren ein Haus gebaut hatte. Das Kernerhaus war berühmt im Lande, alles, was literarischen Rang und Namen hatte, aber auch Grafen, Wanderer und Studenten, fanden Aufnahme und wurden reich bewirtet. Der Freund Justinus eilte ihm entgegen. Sein fleischiges Gesicht mit den Hängebäckchen und den blanken Augen überstrahlte einen Anflug der Schwermut, der auf seiner massigen Gestalt zu liegen schien.
„Eduard, wie lacht mir das Herz, dich endlich hier begrüßen zu können! Ist daheim alles in Ordnung?“
„Klara und ich werden bald eine Kur in Bad Mergentheim machen. Die Mutter möchte nicht dabei sein, sie muss unser Pfarrhaus vor den Gespenstern hüten, meint sie.“
„Ach, ist der Barausch, der alte Pfaffenschlingel, wieder aufgetaucht?“
„Nicht nur der. Ständig gehen Lichter um, es kracht und knarrt. Wir können kaum noch schlafen.“
„Du bist das Medium, Eduard. In dir zeigen sich Abgründe, neben der lichten auch die Nachtseite des Lebens.“
„Mir wäre es lieber, wenn sich weniger Abgründe zeigen würden, besonders, was meine Gesundheit betrifft. Und das Schreiben von Predigten.“
„Fällt dir das immer noch so schwer?“
„Ich bin froh, wenn der Vikar sie schreibt und auch für mich auf die Kanzel steigt.“
„Meiner Meinung nach ist es das beste, was du nach deiner schweren Krankheit tun kannst: spazieren gehen, im Rosengarten sitzen und dichten.“
„Die Bauern sagen, ich sei ein faules Luder.“
„Die wissen eben nicht, was es heißt, Pfarrer und gleichzeitig Dichter zu sein.“
„Ach, Justinus, wenn du nicht gewesen wärst mit deiner Medizin, ich wäre wohl nicht mehr am Leben.“

Vom Gartentor her rief jemand Eduards Namen. Er wandte sich um. Diese kleine, unscheinbare, gedrungene Gestalt, die kräftige Nase, die blauen Augen und der graue Lockenkranz um die spiegelnde Fläche seines Hauptes ...
„Uhland!“, rief er aus. „Seit den Tübinger Tagen haben wir uns nicht mehr gesehen!“
„Mein lieber Eduard“, entgegnete der und blinzelte. Er trug keine Brille, obwohl er ohne sie nur verschwommen sehen konnte.„Sie sehed verhärmd aus.“
Uhland selbst war gebräunt und trug eine Kappe aus Rosshaar.
„Die Krankheit ist nicht spurlos an mir vorübergegangen,“ sagte Eduard etwas kleinlaut. „Ich fühle mich manchmal uralt!“
„Sie send doch erschd in den Dreißigern. Was soll i sage? Aber etzed mal auf Hochdeutsch: Das Beisammensein mit uns wird Ihnen gut tun.“
Eduard blickte zu dem viereckigen Turm hinüber, der in einer Ecke des Gartens stand.
„Was ist das für ein Turm?“, fragte er.
„Das ist der Geisterturm“, erwiderte Kerner. „Dort schreibe ich Gedichte und experimentiere. Ich habe euch doch von Friederike Hauffe, der ‚Seherin von Prevorst’, erzählt? Sie litt unter konvulsivischen Zuckungen. Mit Magnetismus und einfühlender Hypnose gelang es mir, ihr Leben um drei Jahre zu verlängern. Das Beste für sie war der Klang der Maultrommel. Wenn ich die spielte, begann sie aufzuleben und zu singen.“
Die beiden Dichter und der Lyriker- Arzt blickten unwillkürlich zum Turm hinüber.
„Manchmal dient er auch unserem Freund Nikolaus Lenau als Quartier, um seinen ‚Faust’ zu schreiben“, sagte Kerner.
Uhland stellte sich in Positur und rezitierte:
„Zu Weinsberg, der gepriesnen Stadt,
Die von dem Wein den Namen hat,
Wo Lieder klingen, schön und neu,
Und wo die Burg heißt Weibertreu;
Bei Wein und Weib und bei Gesang
Wär’ Luther dort die Zeit nicht lang,
Auch fänd er Herberg’ und Gelass
Für Teufel und für Tintenfass,
Denn alle Geister wandeln da -
Das Rickele, Kerners Frau, kam ihnen aus dem Haus entgegen, mit freundlichen blauen Augen, die Haare geknotet, ihre schmale Gestalt leicht gebeugt. Sie drückte jedem herzlich die Hand.
„Ihr lieben Männer“, sagte sie. „Wollt ihr heute auf dem Turm essen, unter dem Sonnensegel, im Schweizerhaus oder hier im Garten? Unter dem Apfelbaum?“
„Im Garten natürlich“, beeilte sich Kerner zu sagen.
Kurz darauf ließ man sich an der gedeckten Tafel nieder und begann zu speisen. Rickele hatte alles aufgefahren, was Keller und Küche zu bieten hatten. In der Hochzeitssuppe schwammen neben Maultaschen Grießklösse und goldbraune Flädle. Dazu wurden knusprige Brezeln gereicht. Und ein herrlich kühler Verrenberger Riesling. Es folgte eingemachter Kalbsbraten mit ‚pregelten Spatzen’, „Ihr Leibgericht“, sagte die Hausfrau verstohlen zu Uhland, dazu Salate, aber nicht nur grüne, Acker- und Karottensalate, sondern auch ein Kartoffelsalat, der so speckig glänzte, dass Eduard das Wasser im Munde zusammenlief. Er dachte an die Hafergrützen, Schmalzsuppen und Sauren Rädle, die in Cleversulzbach auf den Tisch kamen. Nun ja, Justinus Kerner war ein angesehener Arzt, Patienten aus dem ganzen Land konsultierten ihn. Da konnte er freilich auffahren ... Eduard langte zu und versuchte, seinen Hosenbund zu ignorieren, der bedenklich gegen seinen Bauch drückte.

Nachdem Uhland seinen ersten Hunger gestillt hatte, legte er Messer und Gabel auf den Tisch.
„Das war aber ein üppiges Mahl. Und dieser Wein ... ah ... ich kann mich rühmen, in meinem Leben nie Wasser getrunken zu haben. Es wäre schön, wenn es in Tübingen auch derart gastliche Häuser gäbe.“
Kerner wischte sich mit einer Serviette das Fett vom Kinn.
„Ihre Mutter ist doch eine weitbekannte, hervorragende Köchin ... und auch sonst lebt sich’s wohl ganz angenehm als Professor der Literatur?“
„Gut, dass Sie es ansprechen. An der Universität muss man vorsichtig sein, mit dem, was man lehrt. Die Obrigkeit wittert überall Aufstand. David Friedrich Strauß hat sein ‚Leben Jesu’ die Habilitation gekostet. Aber mir geht es gut, danke der Nachfrage.“
Eduard spürte einen Stich. Alle schafften es irgendwie, ihr Schäflein ins Trockene zu bringen. Und er musste sich sein Lebtag plagen, verlor womöglich noch die Gesundheit und den Verstand dabei! Rickele brachte einen Zwetschgenstreuselkuchen. Eduard ließ sich ein Stück auf seinen Dessertteller legen und gab einen ordentlichen Klacks Sahne darauf.
„Eduard“, sprach ihn nun Kerner an und lächelte. „Du bist so still. Was machen deine Veröffentlichungen?“
„Der ‚Maler Nolten’ verkauft sich nicht gut, aber ich habe doch letztes Jahr die Novelle ‚Der Schatz’ geschrieben und nächstes Jahr sollen meine Gedichte herauskommen – als ‚Klassische Blumenlese’.“
„Die ‚Geister vom Mummelsee’ haben mir besonders gefallen“, ließ sich Uhland vernehmen. „Apropos: Wie steht’s mit den Geistern in Cleversulzbach?“
„Die traten anfangs, im ersten Sommer, am stärksten auf. Aber die Spukgestalten lassen uns nie ganz zur Ruhe kommen!“
„Wäre es nicht denkbar“, warf Uhland ein, „dass die Leute aus dem Dorf ihren Schabernack mit euch treiben?“
„Das kann ich nicht glauben“, antwortete Eduard, „wir haben immer sofort nachgesehen, aber keine menschliche Spur entdeckt!“
Justinus Kerners erhob seine Stimme: „Ich glaube schon an derartige Erscheinungen. Es bedarf nur eines besonderen Mediums und das ist mir in Eduard gegeben.“
„War nicht Kaspar Hauser auch in einem solchen Zustand?“, wollte Uhland wissen.
„Kaspar Hauser war lange Jahre in einen dunklen Raum eingesperrt. Das ist etwas anderes. Bei Friederike Hauffe sah ich Zeichen von Hysterie, auch von Somnambulismus, dem krankhaften Schlafwandeln. Ich glaube aber, dass sie mit einer anderen, uns verborgenen Welt in Verbindung stand. Und sie war besessen!“
Eduard leerte seinen Becher mit dem köstlichen weißen Wein und schaute zum Himmel, wo der Abendstern erschien. Ein kühler Hauch kam von den Bergen herab und ihn fröstelte. Er hörte Kerner sagen:
„Die Hysterie ist eine Konversion, eine Umkehrung des normalen Zustandes. Die dunkle, die Schattenseite kommt zum Vorschein. Diese Patienten haben die Eigenschaften eines Schauspielers: sie steigern sich in ihre Einbildungen so weit hinein, dass sie ihr inneres Leben wie auf einer Bühne austragen müssen.“
Eduards Gedanken schweiften ab. Er dachte an Maria, seine frühe, seine all-einzige Liebe. In seine blauen Augen traten Tränen.
„Und nun strich sie mir, stillestehend,
seltsamen Blicks mit dem Finger die Schläfe,
jählings versank ich in tiefen Schlummer,
aber gestärkt vom Wunderschlafe
bin ich erwacht zu glückseligen Tagen,
führte die seltsame Braut in mein Haus ein.“
Laute Stimmen rissen ihn jäh aus seinen Träumereien. Am Gartentor stand eine Gruppe von Menschen. Kerner sprang auf und eilte ihnen entgegen.
„Lenau, Mayer - und der Graf von Württemberg! Kommt alle an mein Herz und lasst euch drücken!“
Eduard schluckte. Die vielen fremden Menschen machten ihm Angst. Und den Nikolaus Lenau wollte er schon gar nicht sehen, der machte viel zu viel Aufhebens von sich und seinen Gedichten. Eduard erhob sich mit den Worten:
„Freunde, ich bedaure, ich muss mich zurückziehen. Der Rheumatismus hat mich wieder im Griff. Eine schöne gute Nacht wünsche ich allen.“
Trotz allgemeinen Protestes ließ er sich von Rickele zu seiner Schlafkammer führen. Kerner folgte ihm und fragte:
„Was ist los mit dir, Eduard?“
„Ich muss meine Schneckenhörner wieder einziehen. Hier bei dir ist ein ständiger Durchzug. Es ist wunderbar, dass du alle Welt empfängst und bewirtest - aber meine Sache ist es nicht.“
„Eduard, wir werden dich öfter in Cleversulzbach besuchen. Ich werde dir auch literarische Gäste schicken.“
„Darüber würde ich mich freuen. Aber kommt, bevor es zu spät ist.“

(c) Christa Schmid-Lotz 2004 in: Eduard Mörike. Ein Leben auf der Flucht.