Sprung von der Kanzel
Kurzgeschichte über den Dichter Eduard Mörike, 1804-1875
Sein Aufenthalt in Ochsenwang auf der Schwäbischen Alb
Eduard wollte wegrennen aus der Kirche, kam aber nicht von der Stelle; ein Gewicht hing wie Blei an seinen Füßen. Auf der Kanzel stand ein Mann, dessen Hände gefesselt waren. Sein Gesicht war totenbleich. Und als er näher hinsah, erkannte er mit Entsetzen sich selbst. Durch das Fenster fiel ein Sonnenstrahl. Glas splitterte und ein Regen von Kristallen ging nieder, als er durch die Scheiben sprang. Schweißgebadet wachte er auf. Er fühlte sich gänzlich zerschlagen.
„Mein Sohn, hast du schlecht geschlafen?“, fragte die Mutter besorgt.
„Ich hatte einen Alptraum.....“
„ Jetzt komm zum Frühstück. Es ist Sonntag und du musst heute den Herrn Pfarrer vertreten.“
„Wie konnte ich das nur vergessen!“
Er stand mühsam auf, schlüpfte in die Pantoffeln, schlurfte in die Stube und setzte sich an den gedeckten Tisch, griff nach dem Brot und schob sich mit kurzen Fingern Brocken davon in den Mund. Als die Kirchenglocken läuteten, verzerrte er schmerzlich sein Gesicht.
„Was sein muss, muss sein“, murmelte er, zog Schuhe und Gehrock an und eilte mit fliegenden Schössen zur Kirche gegenüber. Die Menge raunte, als er auf die Kanzel stieg. Er hatte das Gefühl, als hätte man ihm einen Eisenreifen um die Brust gespannt. Seine Hände waren wie gelähmt und er sah Flecken auf dem Predigtext, den er in letzter Minute geschrieben hatte.
„Liebe Gemeinde“, begann er mit gepresster Stimme, „lasst uns diesen Sonntagmorgen einleiten mit dem Lied: „Geh aus mein Herz und suche Freud ...“
Der Gesang stimmte ihn froh. Er schaute zu den Fenstern, durch deren Scheiben sich das Licht der Sonne brach. Dann war es still. Die Dorfbewohner sahen ihn erwartungsvoll an. Er schluckte. Was hatte er eigentlich sagen wollen? Ihn schwindelte, das Herz klopfte zum Zerspringen. Diesen Moment hatte er in seinen schlimmsten Träumen befürchtet! Dann hatte er sich wieder gefasst. Er hielt die Predigt ohne weitere Zwischenfälle und war froh, als die letzen Besucher des Gottesdienstes gegangen waren.
Zuhause hatte er mit dem Braten zu kämpfen; mühsam würgte er ihn hinunter und begab sich pfeiferauchend in den Garten. Trübsinnig blickte er auf die Astern und die Sonnenblumen, in denen Hummeln wühlten. So fand ihn sein Freund Ludwig, der aus Tübingen heraufgekommen war.
„Du bist aber in einer traurigen Verfassung. Ist es das alte Lied? Du magst kein Pfarrer sein?“
„Es raubt mir allmählich den Verstand!“
„Magst du nicht ein wenig mit mir wandern? Hinaus in die freie Natur?“
„Ich mag überhaupt nicht mehr. Ich tauge weder zum Bürger noch zum Poeten.“
„Du bist ein guter Vikar und ein Dichter, vor dem jeder den Hut ziehen muss!“
„Es zerreißt mich jeden Tag mehr. Ich kann dieses Leben nicht mehr führen!“
„Komm mit. Du wirst sehen, dass es dir bald besser geht.“
Er zog den Widerstrebenden von der Bank und legte ihm den Arm um die Schulter. Als sie aus dem Haus traten, stand die Sonne schon tief am Himmel. Sie verließen Ochsenwang und tauchten ein in den Buchenwald. Ein Specht hämmerte über ihnen; es roch nach Laub und Pilzen. Der Dichter breitete die Arme aus und seufzte.
„Dieser Flecken ist mir sehr ans Herz gewachsen. Und doch habe ich das Gefühl der Knechtschaft. Eine Predigt zu schreiben ist für mich, wie meine Seele in einen Käfig zu sperren. Dabei will sie wie ein Vogel zum Himmel fliegen!“
„Hast du nicht einen Kontrakt mit Franck, wöchentlich Erzählungen für die „Damenzeitung“ zu schreiben?“
„Ja, fünfzig Gulden hat er mir geboten. Aber das, was an Poesie in mir steckt, kann ich nicht so tagelöhnermäßig verkaufen.“
„Du hast dir in Stuttgart schon einen Namen gemacht.“
„Das will mir niemand recht entlohnen. Und was bin ich denn schon? Du hast deine Emilie, deinen Professorentitel und bist Abgeordneter im Landtag. Und hast schon Hölderlins Gedichte herausgegeben.“
„Ich weiß nicht, wie ich dich noch trösten könnte. Sollen wir nicht zurückgehen? Mir ist kalt und es wird dunkel.“
„Ja, ja, wir müssen heim in die Wärme des Dorfes, zurück zur Mutter, zur Kirche, zum Geruch der Kuhställe ...“
„Sie alle ernähren dich redlich!“, fuhr Ludwig ihn an.
„Mir ist schon reichlich übel davon.“
„Mein Freund, versündige dich nicht.“
„Diese Umstände haben Luise veranlasst, sich von mir zu trennen!“
„Es war Deine Unfähigkeit, Dich zu entscheiden, die sie vor dir fliehen ließ!“
Stumm gingen sie nebeneinander her. Als Ludwig hinüberblickte, sah er, dass dem Gefährten Tränen die Backen herunterrollten. Ludwig wusste nicht, was er noch sagen sollte. Er umarmte den Freund und ging voller Sorgen davon. Er hoffte, auf dem Weg nach Tübingen eine Herberge zu finden.
In der Vikarstube warf der Dichter sich angezogen auf das Bett und vergrub seinen Kopf in dem Leinenzeug. Er schluchzte, wurde von Weinkrämpfen geschüttelt, presste das Kissen vor den Mund, um die Mutter nicht zu wecken. Dann hatte er keine Tränen mehr. Eine Leere breitete sich in ihm aus, eine Leere, die endlos schmerzte. Er lag auf dem Rücken und starrte auf das Fenster, hinter dessen Scheiben ewige Nacht zu stehen schien. Es gab keinen Ausweg. Den Zwiespalt würde er niemals überwinden. Nicht in diesem Leben.
Trüb dämmerte der Morgen herauf.
Er richtete sich auf mit einem bangen Gefühl in der Magengegend.
„Was zieht mir das Herz nur so? Was zieht mich hinaus?“
Es hielt ihn nicht länger im Bett, er stand auf, lief die Treppe hinunter, aus dem Haus heraus zur Abbruchkante der Alb. Der Nebel lag schwer über der Landschaft. Unter den Bäumen faulten die Äpfel, aus denen die Dorfbewohner noch den Most herauspressen würden. Mit schwimmenden Augen sah er die Herbstzeitlosen auf den Wiesen, dazwischen die Köpfe der Champignons. An seinem Lieblingsplatz, einem Felsen, der grauweiß und jäh in die Tiefe stürzte, machte er halt. Er schaute in den Abgrund. Wie wäre es, seine kränkliche Existenz da hinunter zu schmettern? Die Welt wäre sicher nicht ärmer ohne ihn. Er schwankte. In diesem Moment durchdrang ein Sonnenstrahl den Nebel. Der Dichter taumelte zurück, ließ sich ins taufeuchte Gras fallen und Worte brachen aus ihm heraus:
„Im Nebel ruhet noch die Welt,
Noch träumen Wald und Wiesen:
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt
Den blauen Himmel unverstellt,
herbstkräftig die gedämpfte Welt
In warmem Golde fließen.“
Jetzt wusste er es. Seine Seele war zum Himmel geflogen, der Vogel war frei.
Er streckte sich im Gras aus und spürte die Wärme der Sonne. Ein ungeheures Glücksgefühl überkam ihn. Vor seinem inneren Auge erstand ein Garten, dessen Früchte sich schwer zur Erde bogen, ringsum Weinberge und an einem Tisch Menschen, die fröhlich beieinander saßen. Sie hatten die Reste eines köstlichen Mahles vor sich. Die Frau des Gastgebers trug emsig den Weinkrug und schenkte nach. Alle waren sie da, der ganze Freundeskreis, Kerner, Uhland, eine Dichterschar, die ihren Traum vom Leben an die Stelle der Wirklichkeit setzte. Und mittendrin saß er selbst, rückte an seiner Nickelbrille und las aus seinem Buch „Maler Nolten“.
© Christa Schmid-Lotz 2002
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